Was ist „Glück“?

Mikesch, Daisy und Filou vor „Romanatischem Tiefgang, Schwindelnden Höhen und dem Weg zurück, in die Komfortzone

Drei Streber, drei Glücksvorstellungen. Manchmal besteht Glück darin, andere glücklich zu machen. Was Glück für uns bedeutet, entscheidet sich oft an dem, was uns das Leben bisher zugemutet hat.

„Life, Liberty and the Pursuit of Happiness“

Es gibt Sätze, die man so oft hört, bis sie zu akustischem Hintergrundrauschen verkommen. Dieser gehört dazu: verabschiedeten die dreizehn amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeitserklärung. Darin heißt es, jeder Mensch besitze unveräußerliche Rechte – das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück.

Ein erhabener Satz. Aber je öfter man ihn durchdenkt, desto seltsamer wirkt er. Kann man Glück überhaupt zum Bürgerrecht erklären? Und ist das, was wir heute von diesem Begriff verlangen, auch das, was Jefferson und seine Mitstreiter im Sinn hatten?

Ein Satz, der um die Welt ging

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 heißt es bekanntlich:

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Es geht um „Wahrheiten, die für sich selbst sprechen“: dass alle Menschen gleich geschaffen sind (wörtlich: alle Männer – aber schenken wir das einmal dem Zeitgeist des Jahres 1776), dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden und dass dazu unter anderem das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück gehören. Wie soll das gehen? Leben kann ein Staat schützen, Freiheit kann er garantieren – oder beschneiden. Aber Glück? Kein Staat der Welt kann per Gesetz gute Laune verordnen. Und genau deshalb meinten Jefferson und seine Mitstreiter vermutlich etwas anderes. Aus der Perspektive des Jahres 1776 war das Streben nach Glück vor allem das Recht, das eigene Leben selbst gestalten zu dürfen. Wer unter einem König, einem Lehnsherrn oder anderen obrigkeitlichen Zwängen lebt, kann zwar auf Glück hoffen – danach streben darf er nur innerhalb der Grenzen, die andere ihm setzen. In diesem historischen Zusammenhang ist Glück weniger ein Gefühl als die Freiheit, den eigenen Lebensweg selbst bestimmen zu dürfen.

Warum nicht Eigentum?

Richtig pikant wird die Entstehungsgeschichte dieses Satzes beim Blick auf Jeffersons philosophische Vorbilder. John Locke hatte rund hundert Jahre zuvor natürliche Rechte mit Life, Liberty and Property beschrieben – Leben, Freiheit und Eigentum. Jefferson übernahm diese Formel jedoch nicht einfach. Kurz zuvor hatte George Mason in der Virginia Declaration of Rights bereits Eigentum und das Streben nach Glück nebeneinandergestellt. Jefferson verdichtete verschiedene philosophische Gedanken schließlich zu jener Formulierung, die heute weltberühmt ist.

Aus staatstheoretischer Sicht war das freilich ein eleganter Schachzug: Sachwerte zu garantieren kostet den Staat Geld und Land; den Bürgern hingegen das Recht einzuräumen, dem Glück hinterherzulaufen, kostet die Regierung keinen einzigen Cent.

Das große Missverständnis

Die moderne Konsumgesellschaft liest diesen Satz heute als Anspruchsdenken: „Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein!“ Doch genau das steht dort nicht. Dort steht lediglich, dass mich niemand daran hindern darf, mein Glück zu suchen. Es ist eine Startgarantie, kein Pokal am Ziel.

Hinzu kommt eine Sprachverschiebung: Ende des 18. Jahrhunderts bedeutete Happiness keineswegs das dauergrinsende Dauer-High, das uns heute eingeredet wird. Die Aufklärer dachten eher an die antike Eudaimonia – ein gelingendes, vernünftiges und aufrechtes Leben. Für mich steckt darin vor allem ein Begriff, der heute fast aus der Mode gekommen ist: Zufriedenheit.

Vom guten Leben zum Abo-Modell

Im Laufe der Jahrhunderte verkam das philosophische Konzept des gelingenden Lebens jedoch zunehmend zum individuellen Erfolgsversprechen. Der American Dream verengte das Glück auf sozialen Aufstieg, Eigenheim und Karriere. Die Werbeindustrie machte daraus eine Kaufaufforderung: „Du bist nur noch einen Kauf vom Glück entfernt.“ Die Coaching- und Selbstoptimierungsbranche erklärte Glück schließlich zur persönlichen Leistung: Wer heute unglücklich ist, hat offenbar nicht positiv genug gedacht, nicht konsequent genug an sich gearbeitet oder einfach die falschen Entscheidungen getroffen.

Bemerkenswert ist, wie viele den berühmten Satz inzwischen für ihre eigenen Zwecke beansprucht haben. Für den American Dream wurde er zum Versprechen des sozialen Aufstiegs, für die Werbung zum Verkaufsargument, für die Coaching-Branche zur Selbstverpflichtung und für Politiker nahezu aller Richtungen zum Beleg ihrer jeweiligen Freiheitsvorstellungen. Der Wortlaut blieb derselbe – seine Bedeutung änderte sich immer wieder.

Zufriedenheit als Fundament

Wenn man das ganze Marketing-Lärmen weglässt, wird klar: Glück im Sinne von Dauer-Euphorie ist ein biologisches Missverständnis. Der eigentliche Anker ist die Zufriedenheit. Sie ist das Fundament, auf dem flüchtige Glücksmomente überhaupt erst entstehen können.

Praktisch gedacht besteht dieses Fundament meist aus unspektakulären Dingen: Ein gut geführtes Gespräch, die Ruhe nach einem gelösten Problem, ein Glas Wein, gute Musik oder das Vertrauen, dass die Welt nicht gleich untergeht (auch wenn ein amerikanischer Präsident gerade dafür sein Bestes gibt). Glücksmomente sind wie die Schaumkrone auf dem Bier – aber die Zufriedenheit ist das Bier selbst. Ohne das Fundament bleibt die Krone ein leerer Effekt.

Wie weit darf das Streben gehen?

Man darf es sich allerdings nicht zu einfach machen. Wenn Jefferson ausdrücklich vom Recht auf das Streben nach Glück spricht, besteht dadurch keineswegs irgendein Anspruch auf eine bestimmte Form des Glücks. Und das Recht, nach Glück zu streben, bedeutet noch lange nicht, dass alle Menschen denselben Weg vor sich haben. Jeder trägt seine eigene Lebensgeschichte mit sich herum – schöne Erinnerungen ebenso wie Enttäuschungen, Verletzungen und manchmal auch tiefe Traumata. Sie bestimmen mit, was wir überhaupt als Glück empfinden können. Wer schwere Krankheit erlebt hat, empfindet Gesundheit anders. Wer lange einsam war, erlebt ein gutes Gespräch anders. Wer Armut kannte, bewertet Sicherheit anders.

Das Streben nach Glück beginnt eben nicht für alle Menschen am selben Ausgangspunkt. Was für den einen ein Traum ist, kann für den anderen eine Quelle von Angst oder Schmerz sein. Ein erfülltes Liebesleben erscheint nur dann erstrebenswert, wenn Nähe nicht alte Missbrauchserfahrungen wachruft. Dann besteht Glück möglicherweise in der Fähigkeit, Nähe ohne Angst zuzulassen oder Berührungen nicht als Bedrohung zu empfinden. Selbst Freiheit kann bedrohlich wirken, wenn jemand sein Leben lang gelernt hat, dass jede eigene Entscheidung bestraft wird. Glück ist deshalb nie nur eine Frage der Möglichkeiten, sondern immer auch der Erfahrungen, die wir mitbringen.

Vielleicht erklärt das auch, warum gut gemeinte Ratschläge zum Glücklichsein so häufig ins Leere laufen. Sie setzen stillschweigend voraus, dass alle Menschen am selben Ausgangspunkt stehen. Tatsächlich beginnt jeder seine Suche an einer anderen Stelle – und manche müssen zunächst Hindernisse überwinden, die andere nie kennengelernt haben.

Das Recht, der eigenen Zufriedenheit nachzujagen, wirft natürlich auch moralische Fragen auf: Darf ich dafür Jobs kündigen, Beziehungen beenden oder Erwartungen enttäuschen? Bis zu einem gewissen Grad: ja. Die einzige echte Leitplanke ist simpel, aber kompromisslos: Das eigene Streben endet genau dort, wo es das Recht des anderen auf dieselbe Reise beschneidet.

Unterwegs sein reicht

Vielleicht ist die wichtigste Vokabel in Jeffersons Satz gar nicht Happiness, sondern pursuit. Nicht das Glück als statischer Endzustand ist das Geschenk, sondern das Recht, unterwegs sein zu dürfen. Wer erkennt, dass Zufriedenheit die Basis ist und nicht der ständige Rausch, muss dem Glück nicht mehr hinterherhetzen wie ein Esel der Karotte. Erst wenn die Sorge schwindet, Erwartungen nicht erfüllen zu können, öffnet sich der Raum, den Augenblick anzunehmen und das zu genießen, was man hat. Vielleicht besteht das eigentliche Glück auch gar nicht darin, irgendwann „anzukommen“. Sondern darin, sich auf den Weg gemacht zu haben. Allein oder mit einem Reisepartner – denn auch andere glücklich zu machen ist eine Form von Glück.


Quellen

  • National Archives (USA): Declaration of Independence, Originaltext der Unabhängigkeitserklärung.
  • Library of Congress: Entstehungsgeschichte und philosophische Vorlagen der Formulierung the pursuit of Happiness.
  • Carli N. Conklin: The Origins of the Pursuit of Happiness, Washington University Jurisprudence Review.
  • John Locke: Two Treatises of Government.
  • Virginia Declaration of Rights (1776).

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