Was ist „das Böse“?

Wilhelm-Busch-Figur Onkel Nolte

Nach Augustinus ist das Böse kein eigenständiges Prinzip, sondern ein Mangel des Guten. Wilhelm Busch formuliert diesen Gedanken auf eigene Weise, knapp und treffend – und dabei so ironisch wie unverdächtig gegenüber der Kirchenzensur:
„Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt.“
Onkel Nolte in „Die fromme Helene“ (1872)

Neulich, nach dem Sport, noch leicht außer Atem, kam das Gespräch auf ungewöhnliche Weise ins Grundsätzliche. Jemand erwähnte beiläufig, demnächst an einer philosophischen Runde mit dem Thema „Das Böse“ teilnehmen zu wollen. Ob es das überhaupt gebe – und wenn ja, wie? Ist das Böse eine kosmische Kraft, eine moralische Kategorie, ein psychologisches Defizit oder einfach nur schädliches Verhalten aus der jeweiligen Perspektive?

Beim Nachdenken fällt mir auf: Wenn man von „dem Bösen“ spricht, ist damit oft eine klar erkennbare Größe gemeint: etwas Dunkles, Eigenständiges, womöglich sogar Personifiziertes. Im Alltag funktioniert das erstaunlich gut. Man nennt einen Sadisten böse, einen Folterer böse, einen Massenmörder böse, und für den Augenblick scheint damit alles gesagt. Philosophisch beginnt das Problem allerdings genau dort. Denn schon der bestimmte Artikel ist anmaßend. Er unterstellt, es gebe das Böse, als ließe es sich wie ein Gegenstand auf den Tisch legen, umrunden und definieren. Die Geschichte des Begriffs zeigt etwas anderes: Nicht Einigkeit, sondern Konkurrenz der Deutungen.

Eine naheliegende Erklärung sieht das Böse als Macht – oder Gegenprinzip, Versuchung, Teufel, Dämon, Verderbnis. Solche Modelle haben Tradition, und gerade deshalb besitzen sie bis heute emotionale Überzeugungskraft. Sie entlasten den Verstand, weil sie Ordnung in das Entsetzen bringen: Wo Grausamkeit herrscht, soll eben ein finsteres Prinzip am Werk sein. Für den Glauben mag das genügen. Für Erkenntnis genügt es nicht.

Das Böse in Religionen

Fast alle Kulturen kennen Dämonen, böse Geister oder eine personifizierte Finsternis, die Menschen in Besitz nimmt oder verführt. Solche spirituellen Ursachen lassen sich nicht prüfen, nicht messen, nicht widerlegen. Sie erklären das Phänomen nur um den Preis, es der Überprüfbarkeit zu entziehen. Damit gehören sie in den Bereich der Metaphysik oder Theologie, nicht in den des Wissens. Schon die christliche Philosophie hat das Problem komplizierter gesehen. Augustinus von Hippo (354-430) verstand das Böse nicht als eigenständige Substanz, sondern als Mangel des Guten, als privatio boni. Das Böse wäre demnach kein zweites Prinzip neben dem Guten, sondern Defekt, Entstellung, Abweichung. Damit verliert das Böse zwar seine dämonische Selbständigkeit, aber es bleibt als reale Erfahrung bestehen: nicht als Wesen, sondern als Verderbnis.

Das Böse philosophisch betrachtet

Kant formulierte seine Lehre vom „radikal Bösen“ und verlagerte die Frage in den Menschen selbst. Entscheidend ist bei ihm nicht der Dämon von außen, sondern die Möglichkeit des Willens, das moralisch Richtige dem Eigeninteresse unterzuordnen. Das Böse wird hier nicht als Spuk, sondern als Freiheitstat begriffen.

Hannah Arendt wiederum prägte im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess die Formel von der „Banalität des Bösen“: Das Entsetzliche muss nicht aus abgründiger Tiefe stammen; es kann auch aus Gedankenlosigkeit, Konformität und pflichtbewusster Mittelmäßigkeit hervorgehen. Gerade das macht es so unerquicklich. Das Monströse tritt nicht immer mit Hörnern auf, sondern bisweilen mit Schreibmaschine, Aktenmappe und tadellosem Dienstweg.

Literatur als Spiegel des Bösen

In der Literatur ist das Böse allgegenwärtig: von Dantes „Inferno“ über Miltons „Paradise Lost“ bis zu Goethes „Faust“ wird es als dramatische Kraft inszeniert. Im 20. Jahrhundert rückt es näher an die Realität: William Goldings „Herr der Fliegen“ zeigt, wie schnell zivilisierte Kinder zu sadistischen Stammeskriegern werden, sobald die äußeren Regeln wegfallen.

Große Romane über das Böse untersuchen weniger ein metaphysisches Prinzip als die Bedingungen, unter denen Menschen andere quälen, erniedrigen oder vernichten. Dostojewski, Conrad, Golding, Burgess: Sie alle variieren dieselbe Zumutung, dass die Grenze zwischen Zivilisation und Verwilderung nicht dort verläuft, wo man sie gern hätte. Die Literatur ist der Philosophie darin oft überlegen. Sie zeigt, was der Begriff verdeckt: Gemengelagen aus Lust an Macht, Angst, Kränkung, Gewöhnung, Eitelkeit, Selbstrechtfertigung und Nachahmung.

Das Böse erscheint nicht als reine Essenz, sondern als Handlungsmuster, Milieuprodukt, Versuchung der Situation und gelegentlich auch als Genussform.

Persönlicher Exkurs: Pennalismus

Ein besonders eindringliches modernes Beispiel ist Jan Guillous Roman Ondskan (dt. „Das Böse“, verfilmt 2003 unter dem Titel „Evil“). Der autobiografisch gefärbte Text schildert den brutalen Pennalismus an einer schwedischen Eliteschule in den 1960er Jahren. Erik Ponti, der Protagonist, wird systematisch gedemütigt, gequält und seelisch gebrochen – nicht nur von Mitschülern, sondern auch von Lehrern, die das System decken oder sogar fördern. Guillou beschreibt die Mechanik des Bösen mit nüchterner Präzision: die Lust an der Macht über den Schwächeren, die kollektive Feigheit der Zuschauer und die innere Zerstörung des Opfers.

Diese Schilderung hat mich aus einem sehr persönlichen Grund so tief berührt. Auch ich erlebte in meiner Jugend jemanden, vor dem alle zitterten. Er war nicht einfach nur ein Rüpel – er war völlig skrupellos. Sein Lieblingsinstrument: der Zirkel. Bei Schlägereien versuchte er, Gegnern damit in die Augen zu stechen. Er konnte damit eine Fliege (deren Flügel er zuvor etwas gekappt hatte) in einem Glas minutenlang quälen, bis die eigentümliche Geräuschmischung aus Surren und dem Picken von Metall auf Glas endlich verstummte. Ich werde nie vergessen, wie ihm dabei Speichel von den Lippen tropfte. Dieser Sadist machte später Karriere in der forensischen Psychologie und dozierte über das Wesen von Gewalttätern. Er wusste Bescheid.

Doch zurück, über den Tellerrand.

Wissenschaftliche Ansätze: Erblichkeit als Irrweg

Es wurde versucht, das Böse mit wissenschaftlichen Methoden messbar zu machen. Cesare Lombroso entwickelte im 19. Jahrhundert die These des „geborenen Verbrechers“. Anhand von Schädelform, Gesichtszügen und Körperbau (den berüchtigten „Verbrechervisagen“) wollte er Kriminelle bereits physiognomisch identifizieren. Statistische Erhebungen schienen seine Theorie zunächst zu stützen: Hässlichere Menschen landeten häufiger im Gefängnis.

Doch die Statistik war irreführend. Was Lombroso für genetische Veranlagung hielt, war in Wahrheit ein sozialer Effekt. Attraktive Menschen werden von Kindheit an positiver behandelt, erhalten mehr Chancen und entwickeln entsprechend mehr Selbstvertrauen. Weniger attraktive Menschen stoßen häufiger auf Ablehnung und geraten leichter in eine Abwärtsspirale. Entscheidend ist jedoch nicht das Aussehen an sich, sondern die dahinterliegende soziale Lage, die sowohl Chancen als auch Entwicklung prägt. Die „Erblichkeit“ der Kriminalität war also keine genetische, sondern eine soziokulturelle.

Von der Unmöglichkeit der Erforschung des Bösen

Die moderne Wissenschaft geht nüchtern vor und verwendet den Begriff „das Böse“ kaum. Sie fragt nach Aggression, antisozialem Verhalten, Impulskontrolle, Empathiemangel, Sozialisation, Milieueffekten und Risikofaktoren. Relevant ist weniger die genetische Erblichkeit als die soziale: Wo Verhältnisse sich „vererben“, vererbt sich häufig zunächst die soziale Position.

Das bedeutet nicht, dass Biologie bedeutungslos wäre. Moderne Forschung kennt selbstverständlich Dispositionen und neurobiologische Risikofaktoren. Aber sie kennt kein „Böse-Gen“ und keine belastbare Formel, die aus Veranlagung moralische Schuld ableiten würde. Wer sich auf schlichte Erblichkeit beruft, verwechselt statistische Anteile mit persönlichem Schicksal und Korrelation mit Ursache.

Fazit: Das Böse ist subjektiv und relativ

Die Einsicht ist nicht bequem: das Böse ist keine objektive Substanz, sondern eine Zuschreibung für Handlungen, die aus bestimmter Perspektive als in hohem Maße schädlich, grausam oder menschenverachtend erscheinen. Das macht den Begriff nicht nutzlos, aber unsicher. Nero, Vlad der Pfähler („Dracula“), Heinrich Himmler oder Adolf Eichmann hätten sich kaum als Inkarnationen des Bösen beschrieben. Sie sahen sich, soweit ihre Selbstdeutungen reichen, nicht als Diener einer dunklen Macht, sondern als Vollstrecker einer vermeintlich guten Sache. Gerade darin liegt der Schrecken. Der Täter handelt nicht trotz Moral, sondern oft im Namen einer pervertierten Moral.

Schädliches Verhalten als Kriterium für „das Böse“ mag auf den ersten Blick funktionieren. Auf den zweiten Blick stellt sich jedoch immer die Frage: schädlich für wen und aus welcher Perspektive? Das Böse hat keine eigene Substanz. Es ist das, was wir – je nach Standpunkt, Kultur und Biografie – als unerträglich schädlich empfinden. Es ist relativ. Und genau deshalb bleibt es so gefährlich: weil jeder es beim anderen erkennt und bei sich selbst nur selten. Vielleicht ist es am sinnvollsten, nicht nach dem Wesen des Bösen zu fragen, sondern nach den Bedingungen, unter denen Menschen Grausamkeit legitimieren und als Pflicht oder Tugend ausgeben.


Quellen