Neulich, im Café Malapro
„Käsekuchen für den Herrn, Schwarzwälder Kirschtorte für die Dame, ein Cappuccino, ein Kapuzinerkaräffchen“
Zwei Menschen treffen sich zum ersten Mal. Beide sind nervös. Beide möchten gebildet wirken. Stoff für ein malapropistisches Theaterstück.
Personen
Sie (Carmen2026)
Er (Gentleman1969)
Kellner
Er (hat sie sofort entdeckt, ist aber nicht ganz sicher)
Carmen 2026?
Sie (erfreut)
Gentleman 1969?
Er
Ja. Also nicht 1969. Oder doch. Ja, irgendwie schon. Es ist mein Geburtsjahr.
Sie
Ich verstehe. Bei mir ist 2026 auch eher symbolisch gemeint.
Er
Das beruhigt mich pazifisch. Darf ich mich zu Ihnen setzen?
Sie
Natürlich. Bitte entschuldigen Sie, dass ich etwas nervös wirke.
Er (setzt sich, etwas ungelenk)
Ganz meinerseits. Das ist ja völlig normal.
(kurze Stille, beide sehen sich nach der Bedienung um)
Ich muss Ihnen gleich ein Kompliment machen. Ich habe Ihr Profil vorher sehr
gründlich exhumiert. Es passt sehr gut zu Ihnen.
Sie (leicht geniert)
Danke. Sie ja auch. Sie wirken vorbereitet.
Er (stolz)
Ich bemühe mich, bei ersten Dates nicht völlig unorientiert zu erscheinen.
Sie (etwas tadelnd)
Haben Sie viele erste Dates? Ordiniert muss man dafür ja nicht sein.
Er (rudert sofort zurück)
Nein, nein. Praktisch gar nie. Aber eine gewisse Koordination ist doch hilfreich.
Falls! Ich meine, ich will vorbereitet sein. Falls es zu einem Date kommt.
(kurze Pause)
Wie jetzt. Da sollte man doch auf alles vorbereitet sein.
Sie
Absolut. Das gebiert die Höflichkeit. Obwohl – gerade beim ersten Treffen ist
doch auch die zwischenmenschliche Chemotherapie entscheidend.
Er (sieht sich verzweifelt nach der Bedienung um. Entdeckt
den Kellner und winkt, etwas zu forsch. Der Kellner nickt beruhigend und
bedient erstmal andere Gäste)
So. Der hat's endlich gesehen.
Sie (folgt seinem Blick)
Er hat uns registriert. Aber man darf die Leute eben nicht unnötig unter Druck
setzen. Das erzeugt nur Bronchialgewalt.
Er
Natürlich. Ich bin ja grundsätzlich Pazivist. Also im sozialen Sinn. Ich lasse jedem Menschen sein eigenes Arsenal.
Sie (sanft in die Pflicht nehmend)
Das ist gut. Tolleranz ist heutzutage wichtiger als denn je. Wo alles nur noch unter ökumenischen Gesichtspunkten gesehen wird.
Er
Danke. Ich versuche, nicht zu werten. Also nicht sofort.
Kellner (tritt an den Tisch, freundlich routiniert)
Guten Tag. Haben Sie schon gewählt?
Er (etwas zu schnell)
Ja. Also nein. Wir befinden uns noch in der Orientation.
Kellner
Dann helfe ich gern. Wir haben heute Käsekuchen, Schwarzwälder Kirschtorte,
Apfelstrudel und eine kleine Himbeer-Sahne-Schnitte.
Sie
Himbeeren kann ich leider nicht. Ich bin gegen Beeren manchmal algerisch.
Kellner
Dann würde ich davon abraten.
Sie (mit rätselndem Blick in die Karte)
Was ist denn das? Kapuzineräffchen?
Kellner
Kapuzinerkaräffchen. Eine kleine Karaffe Kaffee mit Sahnehaube.
Er (hat nicht zugehört)
Ich nehme einen Cappucchino. Und den Käsekuchen. Ich bin ein großer Kanusör von Käsekuchen.
Kellner
Dann dürfte Ihnen der schmecken.
Sie
Für mich bitte die Karkasse mit Sahne. Und die Schwarzwälder Kirschtorte. Sie sieht imprägnierend aus.
Kellner (erfreut)
Das hört man gern.
Er (nach kurzem Schweigen)
Ich muss sagen, was Sie in Ihrem Profil geschrieben haben, das hat mich wirklich berührt. Besonders dieser Satz:
„Man muss nicht perfekt sein, aber präsent.“
Sie
Ja. Den habe ich lange mit mir herum meditiert.
Er
Das merkt man. Er hat Tiefe, aber ohne sich hochzusterilisieren.
Sie
Genau das war mein Ziel. Ich mag keine Menschen, die alles gleich
intellektualisieren und sich dann für Koniferen halten.
Er
Absolut. Über Bildung spricht man nicht – die hat man.
Sie
Ja. Sonst redet man nur aneinander vorbei und merkt es erst, wenn es zu spät
wird.
Er
Das ist mir einmal passiert. In einer anderen Beziehung. Also einer früheren. Da gab es irgendwann
nur noch Isolierungen. Kommunikation braucht Raum. Und manchmal auch eine kleine Zensur.
Sie
Das kenne ich. Man glaubt, man sei ein Paar, aber eigentlich lebt jeder in
seiner eigenen Umlaufbahn.
Er (nickt zustimmend)
Wie zwei Trabanten.
Sie (erfreut über ihre eigene Idee)
Oder wie zwei Satellitenschüsseln, die sich gegenseitig nicht empfangen.
Er (beeindruckt)
Das ist sehr bildlich. Fast wie ein Euphorismus.
Sie (etwas stolz auf sich)
Ich habe eben auch meine Momente.
Kellner (bringt Kuchen und Kaffee)
Käsekuchen für den Herrn, Schwarzwälder Kirschtorte für die Dame, ein
Cappuccino, ein Kapuzinerkaräffchen.
Er
Ausgezeichnet. Das sieht ja wirklich exemplarisch aus.
Kellner
Wir geben uns Mühe.
Sie
Die Sahne hat fast etwas Architektonisches. Wie sie da so hängt. Das erinnert mich an die hängenden Bärte der Semiramis.
Kellner
Ich gebe das an die Küche weiter. Eine alte Spezialität des Hauses. Das Sahnehäubchen wurde schon im Kapuzinerkloster so gestaltet.
Er (plötzlich wissend)
Ja, richtig, das war ja mal ein Kloster. Ich dachte immer – Zisternenser!
Kellner (sachlich)
Kapuziner.
(freundlich, milde)
Das Wort Cappuccino geht ja auch auf die Kupuziner zurück.
Er (weltmännisch)
Jaja. Ich weiß. Wie das gleichnamige Getränk.
(Kellner ab. Dann nachdenklich)
Sieh mal an.
(nimmt die Gabel, wartet aber höflich)
Darf ich?
Sie
Bitte. Ich bin nicht so formaldehyd.
Er
Das freut mich. Mann sollte nie zu ungezwungen sein.
Sie (kostet)
Mhm. Sehr gut. Nicht zu süß. Und trotzdem mit klarer Persönlichkeit.
Er
Ja. Ein Kuchen mit Rückgrat.
Sie
Das fehlt vielen Menschen.
Er
Und vielen Kuchen.
Sie (lacht, etwas zu erleichtert)
Stimmt.
Er
Darf ich Sie etwas Persönliches fragen? Sozusagen in Medias res gehen?
Sie
Also von Medien verstehe ich ehrlich gesagt nicht viel. Aber fragen Sie nur.
Er (sucht nach Worten)
Was suchen Sie hier eigentlich?
(sieht ihren indignierten Blick, schnell)
Ich meine, worauf kommt es Ihnen, äh, an?
Sie (setzt die Gabel ab)
Eigentlich eine gute Frage. (denkt kurz nach)
Keine Versorgung, aber auch kein Abenteuer. Eher
jemanden, den man auf Augenhöhe liquidieren kann.
Er
Interessant. Die Augenhöhe kann gar nicht unterschätzt werden.
(kurze Stille)
Er
Es muss einfach passen.
Sie (denkt nach, ohne dass ihr dazu etwas einfällt)
Hm hm.
Er (will das Gespräch in Gang halten)
Genau!
Sie
Und Sie?
Er (nimmt sich sichtbar zusammen)
Ich suche keine perfekte Frau. Perfektion ist ohnehin eine Isolierung. Ich
suche eher jemanden, der in mein Leben intrigiert werden kann.
Sie
Das klingt amphibitioniert.
Er (souverän)
Aber ohne Druck. Druck ist der Feind jeder Romantik. Außer beim Espresso.
Sie (denkt kurz nach und lacht dann herzlich)
Das ist auch ein Euphorismus.
Er (stolz)
Wie Ihre Satellitenschüsseln vorher.
(kurze Stille)
Sie
Ich muss sagen, es ist angenehmer als erwartet.
Er
Das ist ein schönes Kompliment. Mit leichter Verletzungsgefahr, aber schön.
Sie
So war es gemeint.
Er
Ich bin auch positiv überrascht. Also nicht von Ihnen. Von der Situation.
Sie
Schon gut. Ich verstehe meistens das Falsche erst beim zweiten Hören.
Er
Dann sind wir komparatibel.
Sie (kokett)
Oder gefährlich.
Er (flirtet sofort zurück)
Beides muss sich nicht ausschließen.
Kellner (kommt vorbei)
Alles in Ordnung bei Ihnen?
Sie
Ja, danke. Der Kuchen ist sehr deliriös.
Kellner
Das freut uns.
Er
Und der Cappuccino hat eine schöne Crema. Sehr stabil. Fast charakterfest.
Kellner
Ich sage auch das weiter.
Sie (nachdenklich)
Wissen Sie, ich glaube, viele Menschen haben heute Angst vor echter Nähe. Sie
wollen Verbindung, aber ohne Berührung. Wie ein Stecker, der sich nicht
einstecken lassen will.
Er
Das ist klug. Ich glaube, daran krankt unsere ganze Epoche. Zu viel Auswahl, zu wenig Entscheidung. Es geht nur noch ums Geld. Alles ist nur noch eine Frage des Bidets.
Sie
Ja. Und irgendwann weiß man nicht mehr, ob man sich entscheidet oder nur noch schaut, was noch da ist.
Er (sinniert kurz)
Dating ist im Grunde die freie Marktwirtschaft des Herzens.
Sie (überlegt, ob das wieder ein Aphorismus gewesen sein könnte, zweifelt)
Das ist vielleicht der Preis der Freiheit.
Er (bewundernd)
Wie wahr. Ich sehe, wir denken uns ähnlich. Ich fühle mich zu klugen Menschen hingezogen. Das ist sehr sexy, wenn jemand nicht nur einen Geist zwischen den Beinen hat. Da sind wir wieder bei Augenhöhe.
Sie (nutzt ihre Oberhand)
Auf Augenhöhe!
(etwas belehrend)
Man muss nur aufpassen, dass man es nicht romantisch hochsterilisiert.
Er (eilig)
Da bin ich ganz bei Ihnen. Ich bin für langsame Annäherung. Ohne Ovulationen.
Sie (denkt nach)
Äh. Vielleicht.
(sieht demonstrativ auf die Uhr)
Er (schnell)
Vielleicht könnten wir das wiederholen.
Sie (zögert, aber freundlich)
Ja. Vielleicht. In einer anderen Konstellation.
Er
Also nicht hier?
Sie
Doch, vielleicht auch hier. Ich meinte eher innerlich.
Er
Ah. Innerlich ist flexibel.
Sie
Nicht immer.
Er
Nein. Das stimmt.
Sie
Aber ich fand es schön.
Er
Ich auch. Sehr sogar.
Kellner
Darf ich Ihnen noch etwas bringen?
Sie
Nein, danke. Ich glaube, sonst kippt die ganze Sache ins Monumentale.
Er
Die Rechnung bitte. Zusammen.
Sie
Das müssen Sie nicht.
Er
Doch. Ich bin da ganz traditional.
Kellner
Ich bringe sie Ihnen.
Sie
Das ist nett von Ihnen, aber ich möchte mich nicht gleich finanziell
infiltrieren lassen.
Er
Dann teilen wir.
Kellner (legt die Rechnung hin)
Bitte sehr.
Er
Ich zahle meinen Teil bar. Das wirkt altmodisch, aber ich bin gern analog,
wenn es ernst wird.
Sie
Ich zahle mit Karte. Das wirkt modern, aber innerlich bin ich auch
handgeschrieben.
Kellner
Das bekommen wir hin.
Er (steht auf, etwas zu schnell)
Dann ... ja. Es war mir wirklich eine Freude.
Sie (steht ebenfalls auf)
Mir auch. Und bitte verstehen Sie mein Vielleicht nicht falsch.
Er
Ich werde mich bemühen, es richtig falsch zu verstehen. Ich meine, ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich immer versprechen, ohne sich dann daran zu halten. Wirklich nicht.
Sie
Das ist wahrscheinlich das Beste.
Er
Darf ich Ihnen schreiben?
Sie
Ja. Aber nicht sofort.
Er
Also später.
Sie
Oder rechtzeitig.
Er
Dann: Also Danke, dass Sie mir die Zeit genommen haben.
Sie (kurz irritiert, dann gerührt)
Sehr gern. Ich gebe sie Ihnen bei Gelegenheit zurück.
Kellner (öffnet die Tür, weil er ohnehin daran vorbeigeht)
Auf Wiedersehen.
Sie
Vielleicht.
Er
Hoffentlich.
Kellner (nach einer kleinen Pause)
Verehren Sie uns bald wieder.

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