Die Malapropisten
Mrs. Malaprop auf dem Requisitenplakat im Hintergrund des imaginären Café Malapro
Mrs. Malaprop und die Geburt eines Begriffs
Richard Brinsley Sheridans Komödie The Rivals1 (1775) hat der Sprachwissenschaft und der Komikgeschichte eine Figur hinterlassen, deren Name zum Gattungsbegriff wurde: Mrs. Malaprop. Sie bemüht sich ständig um eine gehobene Ausdrucksweise, greift dabei jedoch regelmäßig zum falschen Wort.
Aus „allegory“ wird „alligator“, aus einer Person, die „obstinate as an allegory on the banks of the Nile“ sei, wird unfreiwillige Sprachkomik.
Der Name selbst ist kein Zufall. Sheridan leitete ihn vom französischen Ausdruck mal à propos ab: unpassend, fehl am Platz.
Warum wir darüber lachen
Ein Malapropismus ist mehr als ein Versprecher. Die Komik entsteht nicht dadurch, dass ein Wort falsch ausgesprochen wird, sondern dadurch, dass der Sprecher das falsche Wort voller Überzeugung verwendet. Wer auf Island Geishas verortet, verrät unfreiwillig mehr über sich als über Geysire. Das Publikum erkennt gleichzeitig zwei Ebenen:
- die beabsichtigte Bedeutung,
- und die tatsächlich geäußerte.
Zwischen beiden entsteht eine Reibung. Besonders komisch wird sie dann, wenn der Sprecher gerade besonders gebildet, wichtig oder kompetent wirken möchte. Wer Schwulenfeindlichkeit als „Homophonie“ bezeichnet oder der Kontinenz und Contenance vertauscht, trifft die Sache nicht, dafür sich selbst umso mehr.
Der Malapropismus ist deshalb eng mit menschlicher Eitelkeit verbunden. Er macht nicht die Sprache lächerlich, sondern den Versuch, mehr zu scheinen als man ist.
I consider myself a great philanderer.*Michael Scott
* Philanderer = Schürzenjäger. Philanthropist = Philanthrop, Wohltäter.
Mrs. Malaprops zahlreiche Vor- und Nachkommen
Die unmittelbare literarische Vorläuferin von Mrs. Malaprop war sehr wahrscheinlich die Figur Mrs. Tryfort aus dem unvollendeten Lustspiel A Trip to Bath (auch A Journey to Bath) der Mutter Richard Brinsley Sheridans, Frances Sheridan2. Mrs. Tryfort verwendet bereits zahlreiche Wortverwechslungen, die später nahezu wörtlich bei Mrs. Malaprop wieder auftauchen. Mehrere Literaturwissenschaftler sehen deshalb Mrs. Tryfort als direktes Modell für Mrs. Malaprop. Seit Sheridan bevölkern solche Figuren Bühnen, Filme, Hörspiele und Fernsehserien. Der Typus ist erstaunlich stabil geblieben: Menschen, die mit Fremdwörtern, Fachbegriffen oder gehobener Sprache hantieren, ohne sie wirklich zu beherrschen.
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Die englische Komödie hat mit Mrs. Malaprop, Hyacinth3, Dogberry, oder Del Boy gleich mehrere berühmte Dauer-Malapropisten hervorgebracht.
Auch in den USA glänzen eine Reihe von Malapropisten, wie Archie Bunker aus All in the Family (seine berühmten „Bunkerisms“ sind klassische Malapropismen; er spricht von „the menstruation of justice“ statt „administration of justice“, von „a suppository of information“ statt „repository of information“ und ähnlichen Katastrophen), Michael Scott aus The Office4 als moderne Variante falsch verstandener Redewendungen und Fremdwörtern (berühmt ist etwa: „Well, well, well, how the turntables ...“ statt „how the tables have turned“) und Ricky aus Trailer Park Boys (kanadisch, aber nordamerikanische Tradition), der so viele Wortverwechslungen produziert, dass Fans von „Rickyisms“ sprechen.
Die deutsche Komik kennt dagegen erstaunlich wenige vergleichbare Figuren. Zwar treten Wortverwechslungen regelmäßig auf, doch meist nur als einzelne Pointe. Der klassische Typus des Menschen, der sich mit Fremdwörtern gesellschaftlich emporarbeiten möchte und dabei grandios scheitert, scheint im angelsächsischen Humor deutlich stärker ausgeprägt zu sein. Warum es im Deutschen schwierig wird, solche Charakterfiguren zu finden, liegt aber nicht daran, dass es keine scheiternden Emporkömmlinge oder Malapropismen gäbe. Der Grund dafür dürfte eher darin liegen, dass die deutsche Komik traditionell stärker auf Dialekt, Missverständnisse, Wortverdrehungen oder Situationskomik setzt als auf den klassischen Mrs.-Malaprop-Typus. Einige Figuren kommen dem Typus nahe, etwa Alfred Tetzlaff, Heinz Becker oder verschiedene Gestalten des Volkstheaters und der Fernsehkomik. Sie hantieren mit Fremdwörtern, ohne sie zu beherrschen. Allerdings meist nur episodisch. Alfred Tetzlaff produziert gelegentlich Wortverwechslungen und falsch verstandene Begriffe. Seine Komik beruht jedoch eher auf Rechthaberei und Vorurteilen als auf Malapropismen. Heinz Becker kommt dem Typus schon näher. Er verwendet gelegentlich Begriffe und Fachwörter, die er nur halb verstanden hat. Die Komik entsteht dabei oft aus seiner unerschütterlichen Selbstgewissheit. Dieter Krebs als Frau Krawuttke oder ähnliche Figuren der 1970er- und 1980er-Jahre lebten teilweise vom Muster „große Worte, kleines Verständnis“.
Literarisch findet man den Typus schon eher: Frau Stöhr von Thomas Mann ist ein geradezu klassisches deutsches Beispiel. Sie verwechselt ständig Fremdwörter und produziert Formulierungen wie „desinfiszieren“ oder andere groteske Entstellungen. Thomas Mann nutzt dies gezielt zur Charakterisierung einer bildungsbeflissenen, aber sprachlich überforderten Person. Bei Wilhelm Busch und später bei Loriot taucht das Motiv ebenfalls auf, allerdings eher punktuell als fester Charakterzug.
Dabei fällt auf: Im Deutschen macht eher das Wortspiel selbst die Pointe, während die britische Tradition (Mrs. Malaprop, Hyacinth Bucket, Del Boy) sich häufig über sozialen Aufstieg lustig macht. Die Figur möchte kultivierter erscheinen als sie ist. Die amerikanische Tradition (Archie Bunker, Michael Scott, aber auch Homer Simpson) macht sich häufiger über Selbstgewissheit lustig. Damit liegt sie näher an der Satire als an reiner Comedy. Die Figur hält sich bereits für kompetent und bemerkt nicht einmal, dass sie Unsinn redet.
Ausgerechnet Frankreich, das dem Begriff seinen Namen geliefert hat, hat vergleichsweise wenige berühmte Malapropisten hervorgebracht. Zwar stammt „Malaprop“ letztlich vom französischen mal à propos („unpassend“) ab, doch die französische Komik interessiert sich traditionell weniger für die falsche Wortwahl als für falsche Bildung, Standesdünkel und Gelehrsamkeit. Figuren wie Monsieur Jourdain aus Molières Le Bourgeois gentilhomme gehören daher eher zur Verwandtschaft des Malapropisten als zu dessen eigentlichen Vertretern.
Bei einem Zusammentreffen prominenter Malapropisten ließen sich bemerkenswerte nationale Unterschiede beobachten: Im Königreich ist das Wort falsch, in den USA die Gewissheit, in Deutschland der Ernst und in Frankreich der Anspruch. Allen gemeinsam ist der Wunsch, Kompetenz auszustrahlen – und die erstaunliche Fähigkeit, genau das Gegenteil zu erreichen.
Verwandte sprachliche Verirrungen
Nicht jede Wortverwechslung ist ein Malapropismus. Zu den Nachbargebieten gehören:
- Versprecher, bei denen Laute vertauscht werden,
- Eierwörter („Eiertanz“ statt „Spießrutenlauf“),
- Kontaminationen, bei denen zwei Redewendungen miteinander kollidieren,
- Spoonerismen wie „Brust der keuschen Nichte“,
- Paronymien, bei denen ähnlich klingende Wörter verwechselt werden.
Der klassische Malapropismus bleibt jedoch an eine Figur gebunden. Er ist weniger ein sprachlicher Fehler als ein Charakterfehler in sprachlicher Gestalt.
Gewollte Malapropismen: Noch Komik oder schon Wortspiel?
Hier wird die Sache kompliziert. Wer absichtlich „zum Bleistift“ sagt, produziert streng genommen keinen Malapropismus mehr. Der Sprecher verwechselt die Wörter nicht wirklich. Er spielt lediglich mit ihrer Ähnlichkeit. Damit nähert man sich dem Wortspiel an.
Der Unterschied ist wichtig: Ein echter Malapropismus lebt von der Unwissenheit oder Fehlannahme der Figur. Ein bewusst eingesetztes Wortspiel lebt von der Cleverness des „Autors“. Genau deshalb wirken absichtliche Malapropismen oft angestrengt. Das Publikum spürt, dass niemand hier tatsächlich etwas verwechselt hat. Die Pointe stammt sichtbar aus der Werkstatt. Ein echter Malapropismus überrascht. Ein künstlicher kündigt sich meist schon drei Meter vorher an.
Warum solche Späße schnell nerven können: Wortspiele besitzen einen eingebauten Verschleiß. Sie leben von Überraschung. Wird dieselbe Technik ständig wiederholt, verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Figur auf den Autor. Man hört nicht mehr dem Menschen zu, sondern beobachtet jemanden beim Basteln. Deshalb funktionieren Malapropismen meist besser als gelegentliche Ausrutscher denn als Dauerfeuer.
Mrs. Malaprop ist komisch, weil sie eine Figur ist. Ein Kollege, der bei jeder Gelegenheit „zum Bleistift“ oder „im Großen und Ganoven“ zum Besten gibt, nervt einfach nur.
Der Charme liegt nicht im Fehler: Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis guter Malapropismen: Der Fehler selbst ist selten besonders originell. Komisch wird er erst durch die Person, die ihn begeht.
Ein Malapropismus aus dem Mund eines Professors wirkt anders als derselbe Satz aus dem Mund eines Dorfpolizisten. Ein scharfsinniger Mensch, der einmal danebengreift, produziert eher einen peinlichen Versprecher. Eine Figur hingegen, die ständig mit Halbwissen jongliert und unbekümmert jedes Fremdwort verwendet, das ihr gerade über den Weg läuft, kann daraus eine ganze Persönlichkeit entwickeln. Oder einen eigenen Wortschatz. Meine geliebte Tante nannte gespeicherte Videos nicht so. Sie sagte einfach „das haben wir doch stagniert“. Gibt es einen schöneren Begriff dafür, etwas auf einer Festplatte aufzuzeichnen?
Die Königsklasse: der passive Malapropismus
Mindestens ebenso komisch wie das falsche Verwenden eines Wortes ist für mich dessen falsches Verstehen. Wer etwa auf „Das hat eine astronomische Bedeutung“ mit „an Sternzeichen glaube ich nicht“ antwortet, produziert keinen aktiven, sondern einen passiven Malapropismus. Die Komik entsteht hier nicht beim Sender, sondern beim Empfänger. „Etwas mehr Contenance würde Ihnen guttun...“ – „Ich verbitte mir solche Anspielungen unter der Gürtellinie!“
Viele Missverständnisse in Komödien beruhen genau auf diesem Prinzip. Die falsche Bedeutung wird nicht ausgesprochen, sondern lediglich im Kopf der Figur erzeugt. Das Publikum kennt beide Versionen gleichzeitig und genießt den Zusammenprall.
Ob aktiv oder passiv: Malapropismen leben nicht von der Wortverwechslung selbst. Sie leben vom Kontext. Erst die Figur macht aus einem Sprachfehler eine Pointe.
Au reservoir, Madame Bouquet!
Siehe auch Neulich, im Café Malapro
Anmerkungen und Quellen
- „The Rivals“ wird im deutschsprachigen Raum meist unter dem Titel „Die Rivalen“ geführt. Es gibt aber auch eine ältere, freiere Übersetzung: „Die Nebenbuhler“ – diese Fassung betont den eigentlichen Sinn von „rivals“, nämlich konkurrierende Liebhaber bzw. Bewerber um dieselbe Person. Aus „Mrs. Malaprop“ wurde allerdings „Frau von Storrwald“, was leider die Namensraffinesse vernichtete (Fassung von 1776, Frankfurt am Main). In moderneren Fassungen, wie dem Hörspiel von 1961 durfte „Mrs. Malaprop“ wieder für sich selbst stehen.
- Siehe Jstor: Rewriting Frances Sheridan und Britannica: Richard Brinsley Sheridan
-
Hyacinth Bucket aus der BBC-Sitcom Keeping Up Appearances (dt. Fassung: „Mehr Schein als Sein“) bemüht sich wie Mrs. Malaprop unablässig, kultivierter und vornehmer zu erscheinen, als sie ist – etwa indem sie ihren Nachnamen „Bucket“ hartnäckig als „Bouquet“ ausspricht. Die Sitcom gehört zu den erfolgreichsten Export-Serien der BBC aller Zeiten und läuft in vielen Ländern weiterhin. Die deutsche synchronisierte Fassung im ZDF (1996) wurde allerdings nach wenigen Folgen wieder abgesetzt. Das dürfte nicht am Humormangel des deutschsprachigen Publikums liegen, sondern eher daran, dass es nicht gelungen war, den Wortwitz adäquat ins Deutsche zu übertragen.
Eine hübsche literarische Pointe: Hyacinths nie gezeigter Sohn trägt den Namen Sheridan – eine Reverenz (sic!) an Richard Brinsley Sheridan, den Schöpfer von Mrs. Malaprop. - Die Figur des Michael Scott in der von Ricky Gervais und Stephen Merchant entwickelten Kultserie The Office gibt es als deutsche Adaption: Stromberg mit Christoph Maria Herbst in der Hauptrolle. Herbst glänzt dabei allerdings weniger durch klassische Malapropismen als durch etwas noch Schmerzhafteres: eine Mischung aus Selbstüberschätzung, gedanklicher Kurzschlusstechnik und rhetorischer Rücksichtslosigkeit. Wo Mrs. Malaprop die falschen Wörter benutzt, verwendet Stromberg oft die richtigen – nur leider für die falschen Menschen und in den denkbar unpassendsten Situationen.
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