Larry, I love you.

Teaser
Mikesch empfiehlt Larry David

Meine Empfehlung: „Curb Your Enthusiasm“ (Lass es, Larry)
„I don't like recommendations. If I go and I don't like it, it affects our friendship. You're putting our friendship on the line with a chicken dish.“ („Ich mag keine Empfehlungen. Wenn ich hingehe und es gefällt mir nicht, belastet das unsere Freundschaft. Du setzt unsere Freundschaft für ein Hühnchengericht aufs Spiel.“)

Kennen Sie Larry David? Nein? Schade.

Denn er verkörpert diesen einen Moment, in dem aus harmloser TV-Unterhaltung plötzlich peinliche Selbsterkenntnis wird.

Es ist der Moment, in dem man vor dem Fernseher sitzt, diesem Mann dabei zusieht, wie er seines und das Leben aller Menschen um ihn herum systematisch von Fettnapf zu Fettnapf in kleine und große Katastrophen steuert, und man sich nicht etwa angewidert abwendet, sondern leise murmelt: „Verdammt. Er hat auch irgendwie recht.“

Ich liebe Larry David dafür, dass er die unausgesprochenen Regeln unserer Gesellschaft seziert. In Curb Your Enthusiasm (Lass es, Larry) ist er der Schutzpatron derer, die sich weigern, am „Social Chitchat“ teilzunehmen, wenn es absolut nichts zu sagen gibt. Er ist die Stimme der Vernunft in einer Welt voller absurder Konventionen.

Das Gesetz des alltäglichen Wahnsinns

Ich merke manchmal, dass es mir ähnlich geht. Wenn mir jemand einen „Stop-by“ vorschlägt – also ohne Anmeldung vorbeizukommen –, schrumpft mein Herz zusammen. Larry nannte das treffend:

A stop-by? I don't do stop-bys. I don't like the stop-by. The stop-by is aggressive.

Und er hat recht! Es ist aggressiv. Allerdings fällt mir gleichzeitig auf, dass ich meinerseits auch zu solchen unhöflichen Kurzbesuchen neige. Als Täter, nicht als Opfer.

Gerechter ist das Phänomen des „Chat & Run“ – wenn man jemanden trifft, den man flüchtig kennt, und das Gespräch künstlich in die Länge ziehen muss, obwohl beide Seiten lieber tot umfallen würden, als weiter über das Wetter zu reden. Wie brillant Larry David diese peinlichen Momente in Szene setzt, das erzeugt bei mir tiefste Bewunderung und so etwas wie Identifikation. Mein Problem ist nur: Larry David ist ein fiktionalisierter Milliardär in einer kalifornischen Villa, der es sich leisten kann, ein „Social Assassin“ zu sein. Ich bin es nicht. Wenn Larry die „Sample Abuser“ an der Eistheke beschimpft, die sich durch fünfzehn Sorten probieren, während hinter ihnen eine Schlange bis auf die Straße steht, ist das brillant. Wenn ich es tue, bin ich einfach nur der unhöfliche Choleriker aus der Nachbarschaft.

Die Paranoia der unbemerkten Ausrutscher

Meine Sorge ist nicht einmal, bewusst wie Larry zu handeln. Eher, ob einem solche Verwicklungen und unnötigen Ausrutscher vielleicht längst passieren, ohne dass man es überhaupt merkt.

Habe ich gestern beim Bäcker vielleicht auch ein „Chat & Run“ verpatzt? War mein Trinkgeld im Restaurant ein „Tipping Faux Pas“, der den Kellner dazu gebracht hat, mich insgeheim für einen Geizkragen zu halten? Oder habe ich vielleicht einfach nur eine Nudel im Gesicht, während ich über die ästhetischen Aspekte des richtigen Gebrauchs von Essbesteck doziere?

Vielleicht bin ich schon gelegentlich eine Art Larry David in den Geschichten anderer Leute. Vielleicht verlassen Menschen den Raum und denken sich: „Was für ein Trottel.“ Und ich saß da, hielt mich für völlig normal und habe das unsichtbare Minenfeld der zwischenmenschlichen Etikette mit der Eleganz eines betrunkenen Nilpferds durchquert.

Andererseits überschätzen wir vermutlich alle die Bedeutung unserer Nebenrollen. Die meisten Menschen denken deutlich weniger über uns nach, als wir befürchten. Wahrscheinlich denken sie sogar deutlich weniger über uns nach, als wir hoffen.

Aber sicher bin ich mir da nicht. Pretty, pretty, pretty ... dangerous?

Wie auch immer – die Faszination von Larry David besteht auch darin, dass er laut sagt, was viele Menschen höchstens denken. Und manchmal sagt er sogar schlimmere Dinge, die man selbst niemals denken, geschweige denn sagen wollte – bis man sich dabei ertappt.

Aber am Ende des Tages, wenn ich mich frage, ob ich mein Leben vielleicht ein bisschen diplomatischer, ein bisschen sanfter, ein bisschen... enthusiastischer angehen sollte, sage ich mir einfach das, was Larry David mir vermutlich bedeuten würde, wenn ich ihm mein „Larry, I love you“ zuriefe: „Curb your Enthusiasm“ – Lass es, Michael.


Geschmacksproben

Über Larry David und seine Figuren

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