Die Pilzsuche
Die Berlichingers stehen im Wald
Meine alten Freunde, die Berlichingers (von der Kanzlei Berlichinger und Berlichinger, Steuerberater und Fachanwälte für Steuerstrafrecht), gingen neulich in den Schwarzwald, Pilze sammeln. Frau Berlichinger hatte irgendwo gelesen, dass es nach einigen Regentagen Steinpilze geben müsse.
Sie fuhren also hinaus, parkten am Rand eines Waldweges und gingen los. Frau Berlichinger trug einen Korb, Herr Berlichinger einen kleinen Rucksack mit zwei Flaschen Wasser, einem Taschenmesser und einer Tüte Studentenfutter. Für einen Nachmittag im Schwarzwald erschien ihnen das angemessen. Außerdem hatte er auf Anordnung seiner Frau ein Pilzbuch dabei. Herr Berlichinger hatte bereits dem Vorwort entnommen, dass man nur Pilze sammeln solle, die man kenne, hielt diesen Hinweis aber für weniger hilfreich. Wenn man sie bereits kannte, brauchte man schließlich kein Pilzbuch mitzunehmen.
Die ersten zwanzig Minuten fanden sie nichts. Danach fanden sie einen Pilz. Frau Berlichinger hielt ihn für einen Steinpilz. Herr Berlichinger für einen Röhrling. Das Pilzbuch hielt ihn für möglicherweise ungenießbar. Man einigte sich darauf, ihn stehen zu lassen.
Nach einer weiteren halben Stunde wurde der Weg schmaler, sie wichen etwas in den Wald ab und fanden endlich drei Pilze, von denen zwei allerdings im Vorbesitz einer Schnecke gewesen waren. Der dritte sah einer Abbildung im Buch ähnlich, allerdings nur, solange man das Buch etwas schräg hielt. Auch die Farbe stimmte nicht ganz. Da aber diese Richtung vielversprechend zu sein schien, gingen sie weiter. Eigentlich kämpften sie sich weiter, denn sie befanden sich mittlerweile in etwas, das Berlichinger als „Dickicht“ bezeichnete. Auch Frau Berlichinger räumte ein, dass ihr der Weg unbekannt vorkam, was Herrn Berlichinger zunächst nicht beunruhigte. Ein unbekannter Weg ist in einem Wald nichts Ungewöhnliches. Schwieriger wurde die Sache erst, als sich herausstellte, dass sie sich nicht auf einem Spazierweg, sondern einem Pfad befanden, der eher von Tieren als von Menschen frequentiert wurde.
Frau Berlichinger nahm ihr Smartphone heraus. Es zeigte keinen Empfang. Außerdem schien das Ladekabel über Nacht nicht richtig eingesteckt gewesen zu sein. Das Akkusymbol zeigte gefährliche Leere.
Sie hob es etwas höher. Der Empfang blieb aus.
Sie hielt es über den Kopf. Das Smartphone gab ein gluckendes Geräusch von sich. Der letzte Akkubalken blinkte. Bitte aufladen!
Herr Berlichinger besaß kein Smartphone. Er hatte sich dieser Entwicklung jahrelang erfolgreich widersetzt und fühlte sich in seiner Entscheidung nun erstmals bestätigt. Sein Telefon hatte ebenfalls keinen Empfang, allerdings auf eine wesentlich traditionellere Weise. Frau Berlichinger versuchte es noch einmal mit ihrem Gerät. Der Akku zeigte acht Prozent. Google Maps zeigte ein sanduhrartiges Wartesymbol. Die Standortberechtigung sollte noch aktiviert werden. Ohne Lesebrille erwies sich das als umständlich. Ihren Mann um seine zu bitten (er hatte sie immer dabei), erschien ihr als Möglichkeit, deren Dringlichkeit noch nicht akut genug war: „Wir sollten vielleicht zurückgehen.“
„Gute Idee“, sagte Herr Berlichinger. Sie schwiegen.
„Wo lang?“
Herr Berlichinger sah sich um: „Dahin, wo wir hergekommen sind.“
„Und wo ist das?“
„Wenn ich das wüsste, wären wir nicht verirrt.“
Frau Berlichinger fand diesen Hinweis wie gewohnt unpassend und begann auf eigene Faust ihre bisherigen Bewegungen zu rekonstruieren. Herr Berlichinger erinnerte sich an eine große Buche. Frau Berlichinger erinnerte sich an mehrere. Er erinnerte sich außerdem an einen umgestürzten Baum. Davon gab es ebenfalls mehrere. Ein besonders charakteristischer Stein stellte sich bei näherer Prüfung als nicht auffindbar heraus. Herr Berlichinger schlug vor, zunächst den Sachverhalt zu ordnen.
„Der Sachverhalt ist, dass wir uns verlaufen haben.“
„Das ist das Ergebnis. Ich meine die Vorgeschichte.“
„Wir sind in den Wald gegangen.“
„Das weiß ich.“
„Und jetzt wissen wir nicht mehr, wo wir sind.“
Herr Berlichinger dachte kurz nach. „Gut. Damit wäre der Sachverhalt geklärt.“
Frau Berlichinger sah in den Himmel, und dann ihn an: „Und was machen wir jetzt damit?“
„Das ist die nächste Frage.“ Das Smartphone gluckste noch einmal, Abschaltwarnung. Frau Berlichinger wurde ungeduldig.
„Du müsstest dich doch eigentlich auskennen. Du warst schließlich bei der Bundeswehr.“
Herr Berlichinger sah sie überrascht an: „Ja. Aber in der Verwaltung, als Rechnungsführer.“
„Na und?“
„Wir hatten mit Waldorientierung nicht viel zu tun.“
„Hättet ihr aber besser.“
„Wieso?“
„Eure Fehlplanungen merkt man heute noch.“
Herr Berlichinger verzichtete auf eine Erwiderung. Seine Frau war in dieser Stimmung für militärhistorische Diskussionen nicht zugänglich. Außerdem würde er durch jegliche Erwiderung wieder einmal nur bestätigen, dass sie im Kern immer recht hatte. Stattdessen versuchte er sich an praktischem Wissen. Die Sonne stand irgendwo hinter den Bäumen. Moos wuchs auf mehreren Seiten der Stämme. Ein kleiner Bach floss in eine Richtung, die ihnen beiden unbekannt war. Ameisen liefen mit großer Entschlossenheit über den Boden, Vögel zwitscherten und ein Specht tat seine Arbeit unüberhörbar und energisch. Für einen Moment überlegte er, ob diese Lage besser zu bewältigen wäre, wenn er damals zu den Pionieren gegangen wäre. Allerdings hätte es vermutlich auch ausgereicht, wenn er zu den Pfadfindern gegangen wäre, wie es sein Onkel Eduard gerne gesehen hätte. Dessen notorisches „Allzeit bereit“ bei jeder, auch noch so unpassenden Gelegenheit hatte ihn allerdings abgeschreckt. Ach, der gute Onkel Eduard. Er hielt immer Reden und verpasste nie einen Fettnapf. Er erinnerte immer an den guten Vetter Theodor von Robert Högfeldt: ‚Der gute Vetter Theodor – ist stets von köstlichem Humor. Nur wirkt als Tafelredner meist – er peinlich, weil er oft entgleist.‘ Berlichinger musste schmunzeln.
Das Smartphone piepte erneut und riss ihn aus seinen Gedanken. Frau Berlichinger konstatierte: „Zwei Prozent. Das schaltet gleich ab. Jetzt unternimm endlich etwas!“
„Was denn?“
„Du findest doch sonst auch immer einen Ausweg bei deinen Steuersündern. Ein Schlupfloch. Lass dir was einfallen. Irgendwen muss man doch fragen können!“
Herr Berlichinger sah sich um. Er ging hinüber zum Ameisenhaufen, beugte sich darüber und räusperte sich.
„Guten Tag, Frau Ameis’. Wissen Sie zufällig, wo hier ein Schlupfloch ist?“
Frau Berlichinger sah ihn fassungslos an.
„Sehr witzig.“
„Du hast gesagt, ich soll mir was einfallen lassen.“
„Ja, aber doch keinen Blödsinn. Eine Ameise anquatschen, also so was! Deine Herumalbereien sind jetzt nicht passend.“
„Entschuldige. Ich habe die Dame nicht veralbern wollen.“ Die angesprochene Ameise nahm derweil das nächste Schlupfloch und war verschwunden. Frau Berlichinger setzte sich auf einen Baumstumpf. Das Smartphone verabschiedete sich mit einem letzten Gluckser.
Nun wurde die Sache ernst. Herr Berlichinger schlug vor, einen Weg zu wählen und konsequent in eine Richtung zu gehen. Frau Berlichinger hielt das für riskant. Herr Berlichinger erklärte, dass konsequentes Vorgehen grundsätzlich besser sei als planloses. Frau Berlichinger erwiderte, dass konsequentes Vorgehen in die falsche Richtung lediglich schneller zum falschen Ziel führe. Dieser Einwand war nicht von der Hand zu weisen.
Sie blieben sitzen. Nach einiger Zeit hörten sie ein Geräusch im Unterholz. Der Specht hielt inne, die Vögel schienen zu verstummen. Frau Berlichinger griff nach dem Arm ihres Mannes.
„Was war das?“
„Keine Ahnung.“
„Ein Wildschwein?“
„Möglich.“
„Was macht man bei Wildschweinen?“
Herr Berlichinger dachte nach: „Nicht provozieren.“
„Das weiß ich auch.“
Sollte es wirklich ein Wildschwein sein, dachte Frau Berlichinger, dann würde sie darauf bestehen, dass die beiden Männer die Sache unter sich ausmachten. Falls es ein Eber wäre. Allerdings hört man immer wieder, dass gerade Wildschwein-Damen sehr aggressiv sein können, wenn sie Junge haben. In einem Ruck weiblicher Solidarität wünschte sie sich für einen Augenblick sogar, es möge eine Bache mit ihren Frischlingen sein. Dann würde man sehen, wie der notorisch balzende Charmeur, der ihr Mann war, bei einer richtigen Wildsau ankäme.
Es raschelte wieder. Und aus der Nähe. Sie zuckte zusammen und bereute ihre hämischen Gedanken.
Plötzlich wurde das Unterholz auseinandergerissen und direkt vor ihnen stand ein kleines Mädchen. Sie sah die entsetzten Berlichingers neugierig an. Es trug Gummistiefel und eine rote Jacke.
„Habt ihr meinen Ball gesehen?“
Die Berlichingers schwiegen einen Moment. Frau Berlichinger stand auf.
„Wo kommst du denn her?“
Das Mädchen zeigte hinter sich: „Vom Spielplatz.“
Herr Berlichinger folgte ihrem ausgestreckten Arm. Zwischen den Bäumen war etwas Blaues zu erkennen. Er trat ein paar Schritte zur Seite. Es war eine Rutsche.
Nun hörten sie auch Kinderstimmen. Kurz darauf einen Rasenmäher. Dann schlug irgendwo eine Kirchenglocke.
Frau Berlichinger sah ihren Mann an: „Wir waren die ganze Zeit neben einem Spielplatz?“
Herr Berlichinger betrachtete die Umgebung noch einmal sorgfältig: „Neben wäre übertrieben.“
„Wie weit?“
„Vielleicht fünfzig Meter.“
„Wir sitzen seit einer Stunde fünfzig Meter von einem Spielplatz entfernt?“
„Luftlinie.“
Das Mädchen hatte inzwischen seinen Ball gefunden. Er lag hinter einem Farnbusch, ungefähr zehn Schritte vom Ameisenhaufen entfernt. Die Berlichingers folgten ihm zurück. Nach wenigen Minuten standen sie vor einem Kinderspielplatz, einem Wanderparkplatz und einem Gasthaus. Hinter dem Gasthaus begann die Ortschaft.
Frau Berlichinger sah auf die große Wanderkarte neben dem Parkplatz. Dann auf ihren Mann. Dann wieder auf die Karte.
„Das hätte man besser ausschildern können.“
Herr Berlichinger nickte.
Endlich waren sie sich wieder einig.

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