Der Stein der Fiesen

Die Báthory
Gemälde der Elisabeth Báthory mit Anhänger (um 1603), von Benedek Székely (1561–1604)

Elisabeth Báthory mit Anhänger, um 1603. Öl auf Leinwand. Werkstatt des Benedek Székely. Das Gemälde gilt als die früheste bekannte Darstellung eines Lapis Narcissus Extremalis. Der Maler wurde kurz nach Vollendung des Werkes enthauptet. Reproduktion mit freundlicher Genehmigung des MOMF (Museum of Modern fArts).

Der sogenannte Stein der Weisen gehört zu den berühmtesten Vorstellungen der Alchemie.1 Der Name führt allerdings etwas in die Irre. Die Alchemisten verstanden darunter keineswegs einen gewöhnlichen Stein, sondern eine geheimnisvolle Substanz, den lapis philosophorum. Wie sie aussah, darüber herrschte nie Einigkeit. Manche beschrieben sie als rotes Pulver, andere als kristallartige Masse, als Tinktur oder als wachsartige Substanz. Gemeinsam war allen Überlieferungen lediglich ihre außergewöhnliche Wirkung: Sie sollte unedle Metalle in Gold verwandeln und ihrem Besitzer höchste Erkenntnis verleihen. Weniger bekannt ist jedoch die zweite, bei den Versuchen angefallene alchemistische Substanz, über die nur wenige Handschriften berichten: der Lapis Narcissus Extremalis.

Jahrhunderte hindurch suchten Alchemisten nach der Möglichkeit, Gold herzustellen. Sie destillierten, erhitzten, veraschten, lösten und kristallisierten. Manche verloren dabei ihr Vermögen, manche ihren Verstand, manche beides. Was wir heute wissen: Durch Transmutation ist es zwar tatsächlich möglich, Gold aus anderen Stoffen herzustellen.2 Allerdings ist der dafür einzusetzende Aufwand so hoch, dass er den Wert des hergestellten Goldes um ein Vielfaches übersteigt. Der Traum der Alchemisten wurde also wahr, aber unrentabel.

Keine Kostenschranke hat allerdings die andere Substanz, die regelmäßig bei den alchemistischen Experimenten abfiel. Studiert man die Abschriften bestimmter alchemistischer Texte, findet sich immer wieder ein unscheinbares Nebenprodukt. Die meisten Herausgeber hielten es für einen Fehler des Kopisten und schenkten ihm keine weitere Beachtung. Dort heißt es nämlich, dass bei dem letzten Reinigungsschritt der Herstellung stets ein winziger dunkler Rückstand zurückbleibe. „Er ist von keiner Verwendung und darum sorgfältig zu entfernen“, heißt es zum Beispiel in den Collectanea Hermetica Argentoratensia des Straßburger Benediktiners Petrus Albinus.3 Das klingt zunächst wenig bemerkenswert. Doch gerade das ließ spätere Gelehrte stutzen. Während der Stein der Weisen unedles Metall veredeln sollte, veredelte der dunkle Rückstand... nichts. Aber immer wieder gibt es Hinweise darauf, der Rückstand habe eigentümliche Eigenschaften. Wer mit dieser Substanz in Berührung kam, hatte zwar kein Gold, aber er veränderte sich.

Unheilvolle Nebenwirkungen

Die Rückstandssubstanz nahm demjenigen, der mit ihr in Berührung kam, nach und nach jeden Widerstand gegen moralische Bedenken. Anfangs kaum merklich. Ein kleiner Vorteil auf Kosten eines anderen. Eine Unwahrheit, weil sie gerade bequem erschien. Eine Ungerechtigkeit, weil sie sich wirtschaftlich besser rechnete. Ein gebrochenes Versprechen, das sich später sicher erklären ließ. Der Betroffene bemerkte davon nichts. Im Gegenteil. Er hielt sich für vernünftiger als früher. Objektiver. Realistischer. Sachlicher. Er sprach häufiger von Zwängen als von Entscheidungen und immer seltener von Gewissen.

Wer den Rückstand berührte, blieb derselbe Mensch. Nur verschwanden nach und nach all jene kleinen Hemmungen, die ihn bislang daran gehindert hatten, ausschließlich an sich selbst zu denken. Das Erstaunliche daran war jedoch etwas anderes. Die Substanz schien sich niemals zu verbrauchen. Sie wechselte lediglich ihren Besitzer. Immer dann, wenn einer ihrer Träger starb oder auf andere Weise aus der Geschichte verschwand, tauchte sie kurze Zeit später an völlig anderer Stelle wieder auf. Chronisten beschrieben sie einmal als schwarzes Pulver,4 ein anderes Mal als glasartige Perle5 oder als unscheinbaren Kiesel.6 Offenbar passte sie ihr Äußeres den Erwartungen ihrer Finder an. Konstant blieb nur ihre Wirkung.

So soll sie nacheinander in den Besitz eines Kaufherrn, eines Bischofs, mehrerer Fürsten, eines Hofalchemisten, einiger Bankiers, eines Rüstungsfabrikanten und verschiedener Menschen gelangt sein, deren Namen aus naheliegenden Gründen nicht überliefert wurden. Bemerkenswert ist dabei weniger, wer sie besaß, sondern was danach geschah. Fast jeder Besitzer entwickelte innerhalb weniger Jahre eine erstaunliche Begabung dafür, Grausamkeiten als Notwendigkeiten erscheinen zu lassen. Aus Habgier wurde wirtschaftliche Vernunft. Aus Rücksichtslosigkeit unternehmerischer Mut. Aus Täuschung geschickte Kommunikation. Aus Korruption Netzwerkarbeit. Und aus schlichter Gemeinheit wurde der feste Wille, Verantwortung zu übernehmen.

Manche Historiker halten diese Übereinstimmungen selbstverständlich für reinen Zufall. Andere verweisen darauf, dass sich ähnliche Verhaltensweisen auch ganz ohne geheimnisvolle Substanzen beobachten lassen. Beide Einwände verdienen Beachtung. Dennoch bleibt eine Merkwürdigkeit bestehen. Immer wieder verschwinden Menschen von außergewöhnlicher Anständigkeit spurlos aus der Überlieferung,7 während der dunkle Rückstand mit erstaunlicher Zuverlässigkeit dort wieder auftaucht, wo Macht, Geld oder Einfluss zusammenkommen. Es scheint fast, als suche er sich seine Besitzer nicht nach deren Bosheit aus, sondern nach ihrem Potenzial. Die Gelehrten stritten jahrhundertelang darüber, wie diese rätselhafte Substanz zu nennen sei. Einige sprachen vom lapis improborum, dem Stein der Niederträchtigen.8 Andere bevorzugten den gelehrter klingenden Begriff materia obscura moralis.9 Durchgesetzt hat sich keine dieser Bezeichnungen. In Fachkreisen spricht man heute gelegentlich vom Lapis Narcissus Extremalis, im Volksmund Stein der Fiesen.10

Provenienz und letzte bekannte Spuren

Der genaue Verbleib des Lapis Narcissus Extremalis gilt bis heute als umstritten. Das sporadische Auftreten der Substanz lässt sich anhand historischer Quellen cum satis bona voluntate jedoch erstaunlich genau rekonstruieren.11

Zeitraum Ort Bemerkung
ca. 1485 Venedig Auffällige Verhärtung der Geschäftspraktiken im Levantehandel. Als Besitzer gilt ein nicht näher bezeichneter venezianischer Kaufherr.
1519–1521 Tenochtitlan Im Besitz eines spanischen Konquistadors. Danach auffallend hohe Edelmetallzuflüsse aus Mittelamerika.
1568–1584 Moskau Im Besitz eines gewissen Iwan Wassiljewitsch.
um 1600 Čachtice Schenkung an Elisabeth Báthory. Von Nachbesitzern als politische Intrige betrachtet.
1618–1648 Verschiedene Stationen in deutschen Landen Während des Dreißigjährigen Krieges mehrfach erwähnt, jedoch keiner Kriegspartei eindeutig zuzuordnen.
1698–1708 Versailles Auffällige Zunahme höfischer Intrigen, nachdem ein nicht näher bezeichneter Hofbeamter die Substanz erworben hatte.
1793–1794 Paris Verschiedenen Besitzern zugeschrieben, die ausnahmslos kurze Zeit später guillotiniert wurden.
um 1880 Manchester Im Besitz eines Fabrikanten, dessen Name in den Akten nur als „M.“ erscheint. Erste Hinweise auf industrielle Massenproduktion moralischer Skrupellosigkeit.
1884–1885 Kallstadt Die Spur des Steins führt letztmals in die Freinsheimer Straße einer Ortschaft in der Pfalz*. Dort soll er als Schutztalisman gegen die als Hexenjagd12 empfundene Einberufung zum Wehrdienst angeschafft worden sein.

* In der Pfalz endet die Quellenlage abrupt. Nach übereinstimmender Auffassung mehrerer, auf eigenen Wunsch ungenannt bleibender Historiker könnte die Substanz dort im Familienbesitz verblieben sein.


Quellen

  1. Hieronymus Ackerfeld: De Lapide Sapientum. Tractatus brevis de substantia philosophorum, Basel 1542, fol. 17r–22v. Ackerfeld weist ausdrücklich darauf hin, dass der Ausdruck lapis „mehr der Würde als der Gestalt nach“ zu verstehen sei.
  2. Vgl. Severin Kaltwasser: Gold ohne Glück. Zur späten Erfüllung alchemistischer Hoffnungen unter ungünstigen Kostenbedingungen, Institut für angewandte Enttäuschungsforschung, Zürich 1984, S. 41–46.
  3. Petrus Albinus: Collectanea Hermetica Argentoratensia, Straßburg 1594, fol. 83v. Der lateinische Wortlaut lautet dort: Residuum nigrum nullius usus est; diligenter abiciendum. Die Datierung der Handschrift ist umstritten, was ihre Zitierfähigkeit in der Fiesologie jedoch erstaunlicherweise nie beeinträchtigt hat.
  4. Codex Argentoratensis Alchemicus, Stadtbibliothek Alt-Straßburg, Ms. A. XIII. 42, fol. 83v. Die Handschrift ist seit der Neuordnung der Bestände im Jahr 1871 nicht mehr auffindbar.
  5. Hieronymus Nigrinus: De Residuo Philosophorum et de periculis eius minoribus, Basel 1611, Cap. XII. Nigrinus beschreibt die Substanz als „perla vitrea, sed sine decore“, also als glasartige Perle ohne jeden Schmuckwert.
  6. Johannes Ferrarius: Fragmenta Hermetica Minora, Leiden 1682, S. 117. Ferrarius hält ausdrücklich fest, die Substanz sei äußerlich „von derart betrüblicher Gewöhnlichkeit“, dass man sie leicht für einen Kiesel halten könne.
  7. Wo ist Jonathan B. Fugger? In: Augsburger Postillon, Nr. 114, 1687, S. 3. Der Artikel beklagt das spurlose Verschwinden eines „auffallend rechtlichen Mannes“, der „zu guth für diese Welt“ gewesen sei.
  8. Cornelius Vossius: Disputationes de Lapide Improborum, Utrecht 1703, S. 9–31. Vossius verwirft die ältere Bezeichnung residuum nigrum als „chemisch eng, moralisch aber unzureichend“.
  9. Johann Georg Reußner: Materia Obscura Moralis. Versuch einer Charaktermineralogie, Jena 1768, S. 203–219. Reußner unterscheidet dort zwischen gemeiner Niedertracht, gehobener Niedertracht und „Niedertracht mit öffentlicher Begründung“.
  10. Die Bezeichnung Lapis Narcissus Extremalis taucht erstmals in einer Randnotiz des Ferrarius-Manuskripts auf, wird von der neueren Forschung jedoch überwiegend als nachträgliche Latinisierung eines älteren volkstümlichen Begriffs angesehen. Vgl. hierzu Christian Theophil Kannegießer: Wörterbuch des obersächsischen Bergmannsjargons nebst einigen unziemlichen Nebenbedeutungen, Freiberg 1811, Sp. 442. Der dortige Eintrag „Fiesenstein“ findet sich ohne nähere Erläuterung zwischen „Fiedelharz“ und „Fingerschicht“.
  11. Vgl. hierzu insbesondere: Inventarium rerum occultarum, Archiv der Abtei St. Magnus, Cod. VIII/14; Laurentius Vulpes: Nachlass des Hofalchemisten, Herzogliches Geheimarchiv Wolfenbüttel, Sign. H.A. 42/17; Collectio Epistolarum Hermeticarum, Biblioteca Civica di Padova, Ms. 771; Acta Commissionis contra Superstitiones et Alchemistas, Prag 1609; sowie das Registrum rerum moraliter suspectarum, Stadtarchiv Augsburg, Abt. XIII, Fasc. 27. Die Einsicht in mehrere der genannten Dokumente ist derzeit nicht möglich, da sie nach Angaben der jeweiligen Archive restauriert, neu katalogisiert oder vorübergehend unauffindbar sind.
  12. Pinocchio Trampelino: La verità assoluta e nient’altro che essa, Palermo 1886, S. 17: „Come i bavaresi costringono i giovani del Palatinato ad arruolarsi nell’esercito, nonostante siano onesti, pacifici e casti. Quello che è stato fatto a mio cugino è una vera e propria caccia alle streghe.“ Ein Traktat über die Hexenjagd gegen Fahnenflüchtige in Bayern und anderswo.

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