Ethos, Pathos, Empathie

Illustration eines Soldatenfriedhofs in Frankreich

Das bei uns unter dem Titel „Es ist an der Zeit“ bekannte Lied geht auf den schottisch-australischen Liedermacher Eric Bogle zurück. Sein 1976 entstandenes „No Man’s Land“, später auch unter den Titeln „The Green Fields of France“ und „Willie McBride“ bekannt, beginnt mit einer einfachen Situation: Ein gedankliches Gespräch mit einem jungen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist.

Es gibt Musik, die man wegen ihrer Melodie liebt. Andere wegen ihrer Texte. Und dann gibt es Lieder, bei denen beides gleich bleibt – und dennoch entscheidet allein der Interpret darüber, ob sie uns im Herzen berühren oder völlig kaltlassen. Das Faszinierende daran: Es hat kaum etwas mit Gesangstechnik zu tun. Oft genügt eine Nuance in Haltung und Betonung, um aus demselben Lied eine völlig andere Erfahrung zu machen. Ein perfektes Beispiel dafür ist das Antikriegslied „No Man’s Land“ („Es ist an der Zeit“).

Das Original: Eric Bogle

Das 1976 entstandene Original des Schotten Eric Bogle beginnt intim: Ein Mann setzt sich ans Grab eines jungen, im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten und spricht Willie McBride, den Toten, an. Er fragt nach seinem Leben, seinem Sterben, seiner Beerdigung. Der Soldat ist hier kein abstraktes Symbol, sondern ein Mensch. Das Politische entwickelt sich organisch aus dem Mitgefühl. Der Erzähler hält keine Rede am Grab – er sitzt einfach nur da.

Vom Toten zum politischen Zeichen: Hannes Wader

1980 veröffentlichte Hannes Wader seine freie deutsche Nachdichtung. Er übernimmt die Melodie, verschiebt jedoch den Fokus: Aus Bogles melancholischem Zwiegespräch wird eine direkte, schärfere Anklage gegen die Herrschenden und den Krieg. Waders Version wurde völlig zurecht zur Hymne der Friedensbewegung. Doch mit dem Text verändert sich die Beziehung zum Toten: Der Soldat wird zum Beweisstück; bei Wader wird der Gefallene zum Stellvertreter für Millionen. Wader singt zwar „du“, spricht aber über diesen Toten hinweg zum Publikum. Es ist auch mehr eine Verkündigung als eine Begegnung; Waders Vortrag ist getragen und absolut entschlossen. Er duldet keinen Zweifel. Doch genau hier kippt für mich das Pathos: Die moralische Botschaft wird nicht aus der Situation entwickelt, sondern verkündet. Man soll nicht gemeinsam mit dem Sänger empfinden, sondern sich seiner fertigen Erkenntnis anschließen. Das fordert Ergriffenheit ein, statt sie entstehen zu lassen – was im schlimmsten Fall Fremdscham erzeugt.

Die Rückkehr zur Empathie: Reinhard Mey

Ganz anders Reinhard Mey, der im Wesentlichen denselben Text singt. Seine Stimme transportiert Zögern, Unsicherheit und Verletzlichkeit. Mey verkündet nicht; er scheint die Worte im Moment des Singens erst zu entdecken. Er singt nicht für eine Kundgebung, sondern spricht wieder direkt mit dem Menschen im Grab. Die politische Aussage bleibt bestehen, aber sie folgt wieder aus der Begegnung. Nicht der Soldat illustriert die Botschaft, sondern die Botschaft folgt aus dem Schmerz über seinen Verlust, der Anteilnahme an seinem Schicksal und der Erschütterung über die Sinnlosigkeit seines Opfers.

Drei verschiedene Gesprächssituationen

So höre ich in den drei Fassungen nicht nur unterschiedliche Texte und Stimmen, sondern drei verschiedene Gesprächssituationen: Eric Bogle sitzt am Grab und spricht mit einem Toten. Hannes Wader steht am Rednerpult und spricht über den Toten zum Publikum. Reinhard Mey setzt sich wieder hin und spricht zu dem Toten – aber so, dass die Familie des Toten dabei sein könnte.

Das ist keine objektive Bewertung, die sich durch Noten, Lautstärke oder Atemtechnik beweisen ließe. Es ist meine Wahrnehmung. Andere Menschen hören in Waders Stimme möglicherweise genau jene Wahrhaftigkeit und Entschlossenheit, die sie für ein Antikriegslied erwarten. Was mir als Verkündigung erscheint, empfinden sie als Haltung. Aber Fremdscham entsteht nun einmal dort, wo ein vorgeführtes Gefühl größer erscheint als das Gefühl, das beim Zuhörer tatsächlich ankommt. Der Vortrag fordert Ergriffenheit ein, bevor sie sich von selbst entwickeln konnte. Je deutlicher ich diese Forderung wahrnehme, desto weniger kann ich ihr folgen. Mey fordert nichts. Und gerade deshalb erreicht er mich.

Der Unterschied zwischen Pathos und Empathie

Pathos ist die öffentliche Darstellung eines Gefühls. Sobald wir spüren, dass uns diese Ergriffenheit vorgeschrieben wird, wirkt sie peinlich. Empathie hingegen braucht keine erhobene Stimme. Wader vergrößert die politische Bedeutung des Liedes; Mey verkleinert den Abstand zum Menschen. Am Ende entscheidet der Interpret nicht nur, wie ein Lied klingt. Er entscheidet, ob wir einer Ansprache zuhören oder Zeugen einer echten Begegnung werden.

Dasselbe Lied: Eric Bogle stimmt mich nachdenklich. Hannes Wader lässt mich peinlich berührt zurück. Reinhard Mey macht mich traurig. Vielleicht ist genau diese Traurigkeit das Mindeste, was den Willie McBrides dieser Welt gebührt.


Quellen

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