Wenn Vertrauen zur Waffe wird
Psychologen und Seelenexperten genießen einen bemerkenswerten Vertrauensvorschuss. Doch es gibt eine Kategorie in dieser Zunft, die man genauer unter die Lupe nehmen muss: den professionellen Wundensammler.
Dabei ist die genaue Berufsbezeichnung – ob Psychologie, Psychiatrie oder Psychotherapie – zweitrangig. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Wie unanständig ist es, sich Wissen über die Ängste, Traumata und Verletzlichkeiten eines Menschen anzueignen, um dieses Wissen später gegen ihn zu verwenden? Vor allem dann, wenn man sich auf einen Expertenstatus berufen kann, der Kritik im Keim erstickt.
Denn wer einem Seelenexperten vorhält, er missbrauche seine Kenntnisse, erlebt eine perfide Dynamik: Plötzlich wird nicht mehr über dessen Verhalten gesprochen, sondern über die Psyche des Kritikers.
„Sie verdrängen etwas.“
„Das ist Ihr unbewältigtes Trauma.“
„Ihr Widerstand bestätigt nur die Diagnose.“
An diesem Punkt wird die Beweisführung unmöglich. Wer widerspricht, beweist die Diagnose. Wer zustimmt, bestätigt sie ebenfalls. Wer verwirrt ist, liefert den nächsten Befund.
Ich werde nie vergessen, wie ein Psychiater eine mir nahestehende Person einschüchterte, die vehement gegen die Einweisung ihres Partners protestierte. Der Arzt blickte sie an und sagte: „Wenn ich mir Sie so anschaue, dann überlege ich mir, ob Sie selbst jetzt vielleicht Hilfe brauchen.“ Sie gab sofort klein bei. Plötzlich ging es um ihre eigene Freiheit, und der Partner wurde kurz darauf entmündigt.
Die Erzeugung von Wirklichkeit
Natürlich leisten die meisten Therapeuten wertvolle Arbeit. Aber genau darin liegt das Problem: Wo großes Vertrauen gerechtfertigt ist, entsteht das größte Missbrauchspotenzial. Kein Scharlatan hängt ein Schild mit der Aufschrift „Betrüger“ an die Tür. Der Wundensammler hört zu, versteht und schafft Sicherheit. Irgendwann besitzt er eine vollständige Landkarte der verletzlichen Stellen seines Gegenübers. Wie gefährlich diese Macht ist, zeigt die psychologische Debatte um False Memories (falsche Erinnerungen). Wer über die nötige Autorität verfügt, kann massiven Einfluss darauf nehmen, wie ein Mensch seine eigene Vergangenheit interpretiert. Aus psychologischem Wissen wird dann ein Werkzeug zur Gestaltung von Wirklichkeit.
Ein extremes Beispiel dafür ist der schwedische Fall Thomas Quick: Ein Mann gestand in jahrelangen therapeutischen Sitzungen unter dem Einfluss suggestiver Methoden zahlreiche Morde, die er nie begangen hatte. Das Erschreckende daran: Die Therapeuten hielten sich überwiegend für Helfer. Es zeigt, wie leicht aus der Suche nach Wahrheit die Erzeugung einer neuen, falschen Realität wird.
Vom Heiler zum Sammler
Diese Dynamik beschränkte sich im Kern noch nie auf das Therapiezimmer. Stieg Larsson zeichnete in seiner Millennium-Trilogie mit dem Vormund Nils Bjurman das perfekte Bild dieses Machtmenschen. Bjurman besaß keine außergewöhnliche Intelligenz, sondern institutionelle Autorität. Er musste sein Opfer Lisbeth Salander nicht einsperren – es genügte, dass seine Version der Wirklichkeit vor Behörden mehr Gewicht hatte als ihre. Wissen über einen Menschen ist nicht automatisch Macht. Macht entsteht erst, wenn dieses Wissen auf Autorität trifft.
Der professionelle Wundensammler muss kein Psychologe sein. Er kann ein Therapeut sein, ein Vormund, ein Journalist, der eigene Partner oder ein Freund. Die Technik bleibt immer dieselbe: Vertrauen gewinnen, Schwachstellen kartografieren und auf den richtigen Moment warten. Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen zwei Typen: dem Wounded Healer (dem verwundeten Heiler) und dem Wunden-Sammler, dem Ausbeuter. Beide interessieren sich für die Verletzungen anderer Menschen. Der eine sieht darin einen Auftrag zur Heilung. Der andere eine Waffe für den eigenen Machtanspruch.
Welchem von beiden man begegnet ist, versteht man vielleicht erst hinterher.
Quellen
- Jung, Carl Gustav: Konzept des Wounded Healer („verwundeter Heiler“) innerhalb der Analytischen Psychologie.
- Zerubavel, N.; Wright, M. O. D.: The Dilemma of the Wounded Healer. Psychotherapy, 2012.
- Carlesimo, Victor G. et al.: The Prevalence and Implications of Wounded Healers: A Systematic Review of the Literature.
- Otgaar, Henry et al.: The Return of the Repressed: The Persistent and Problematic Claims of Long-Forgotten Trauma. Perspectives on Psychological Science, 2019.
- Loftus, Elizabeth F.: Forschungsarbeiten zu Gedächtnisfehlern, Suggestion und sogenannten „False Memories“.
- American Psychological Association (APA): Ethical Principles of Psychologists and Code of Conduct.
- World Psychiatric Association (WPA): Declaration of Hawaii (1977) sowie spätere berufsethische Richtlinien.
- Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft.
- Foucault, Michel: Überwachen und Strafen.
- Bergwall, Sture (Thomas Quick): Der Fall Thomas Quick – Die Erschaffung eines Serienmörders (deutsche Ausgabe).
- Råstam, Hannes: Der Fall Thomas Quick – Die Erfindung eines Serienmörders.
- Larsson, Stieg: Män som hatar kvinnor (dt. Verblendung) aus der Millennium-Trilogie
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