Die Vernissage
Meine alten Freunde, die Berlichingers (vom Steuerbüro Berlichinger und Berlichinger), besuchten neulich eine Vernissage. Nicht aus Kunstinteresse, sondern wegen des kostenlosen Glases Sekt. Frau Berlichinger ließ auch die Kunst auf sich wirken und blieb vor dem ersten Preisschild stehen. „Viertausend.“
Sie schwieg einen Augenblick. „Für so ein paar Striche. Aber wenn der einmal berühmt wird ...“ – Herr Berlichinger war aufmerksam geworden: „... da kauf‘ ich lieber Aktien.“ – sie ließ sich durch seinen Einwurf, wie gewohnt, nicht ablenken. „Quatsch. Dann hat man ein Original von so einem abstrakten Künstler!“ Er zückte unbeeindruckt die Lesebrille und studierte das Kleingedruckte unter dem Bild. „Lahmer Hirsch mit Gitarre. Von Caldero Rojas-Kaminski. Ein Frühwerk.“ Berlichinger sah seine Frau tadelnd an: „Wenn das ein Frühwerk ist, dann müsste er heute berühmt sein. Alles andere wäre nicht plausibel.“
Sie gingen weiter und ließen sich vor dem nächsten Bild von der, er würde sagen – jungen Dame – in Schwarz noch ein Glas Sekt nachschenken. Herrn Berlichinger gefiel die Vernissage plötzlich wesentlich besser. „Außerordentlich“, balzte er, die junge Frau wohlwollend betrachtend. „Eine bemerkenswerte Ausstellung. Sehr reizvoll. Geradezu expressiv.“ Frau Berlichinger kannte das und ging sofort dazwischen. Nicht aus Eifersucht, sondern aus Mitleid. „Nehmen Sie das gar nicht ernst, was mein Mann sagt. Er versteht nichts von Kunst.
„Vielen Dank“, sagte die junge Frau zu beiden.
Berlichinger war es schon seit langem gewöhnt, von seiner Frau als Trottel dargestellt zu werden. Er hatte sich pragmatisch damit abgefunden; erstens geht es vielen Männern so, und zweitens war er schlau genug, den wahren Kern solcher Behauptungen nicht durch Gegenwehr zu bestätigen. Diesmal allerdings fasste er einen Plan. Er würde die junge Dame auf seine Seite ziehen. Mit einem kaum merklichen Zwinkern betrachtete er das Gemälde hinter ihr und sagte in möglichst sachlichem Ton: „Wie man es nimmt. Das Bild hier hat eine interessante Valorisierung. Die Linienführung ist ausgesprochen linear, aber nicht ganz in der Abschreibung.“
Als die junge Frau stutzte, setzte er schelmisch hinzu: „Eine lineare Abschreibung wirkt auf den ersten Blick etwas beliebig. Tatsächlich folgt sie aber einer inneren Ordnung. Das erkennt man allerdings erst bei genauer Prüfung.“
Frau Berlichinger schloss für einen Augenblick die Augen. „Mein Mann“, sagte sie entschuldigend, „hat beruflich sehr viel mit Kreativität zu tun.“
Das überraschte Herrn Berlichinger, der eher eine Abwertung erwartet hätte: „Ach?“
„Ja“, sagte Frau Berlichinger, „aber nur was die Steuerplanung betrifft.“
Die junge Frau begann zu lächeln. Dieses Zeichen der Heiterkeit spornte Berlichinger an: „Man darf Kreativität nicht nur emotional betrachten.“ Vielsagend wechselte er den Blick zwischen seiner Frau und dem Gemälde: „Sie muss auch wirtschaftlich überzeugen. Es muss plausibel sein. Wie dieses Stück Kunst zum Beispiel, es besitzt durchaus Entwicklungspotenzial.“
Bevor die junge Frau etwas sagen konnte, kam von Frau Berlichinger schnell: „Woran willst du das erkennen?“
„Am Preis. Wäre es nichts wert, wäre es billiger.“
Die junge Frau machte sich eine kleine Notiz auf ihrem Klemmbrett. Berlichinger gab das Auftrieb. Er flüsterte seiner Frau zu: „Sie ist vom Fach. Aber sie blickt auch über den Tellerrand. Und sie versteht meinen Witz.“ Zur jungen Frau: „Sie halten meinen Gesichtspunkt für anmerkenswert?“
„Ich ...“, setzte die junge Frau an, während sie auf ihr Klemmbrett schaute.
„Tut sie nicht!“ fuhr Frau Berlichiger dazwischen.
„Ich habe nur aufgeschrieben“, sagte die junge Frau, „dass wir neuen Sekt brauchen.“
„Ach, Sie sind gar nicht für die Vernissage zuständig?“
„Nein, ich bin vom Catering.“
Die Berlichingers schwiegen. Das plausibel.


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