Von einem, der auszog, um das Flirten zu lernen
So geht flirten. (Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Trophäen sind nicht beabsichtigt, aber unvermeidbar)
Ein Vater hatte zwei Söhne; davon war der älteste klug und gescheit und wusste sich in allem wohl zu schicken. Der jüngste aber war einfältig, konnte nichts begreifen noch lernen, und wenn ihn die Leute sahen, sprachen sie: „Mit dem wird der Vater noch seine Last haben!“
Der älteste verstand sich darauf, sich darzustellen, zur rechten Zeit zu sprechen, sich ins rechte Licht zu setzen und die Meinung der anderen von sich günstig zu lenken. Der jüngste aber sah dies alles und sprach: „Ich sehe wohl, dass sie einander gefallen wollen, aber ich sehe nicht, wie es gemacht wird.“ Da sprach der Vater: „Du musst etwas lernen.“ – „Ei, Vater,“ antwortete er, „so möchte ich lernen, dass ich flirten kann.“ – „Das Flirten,“ sagte der Vater, „ist keine Kunst und doch eine Vorschrift; keiner versteht sie ganz, und alle halten sich daran.“
Eines Tages kam ein Mann ins Haus, der sich auf Umgangsformen verstand und zugleich darüber wachte, dass alles nach den neuesten Regeln geschah. „Wenn’s weiter nichts ist,“ sprach er, „so führe ich ihn an die Orte, wo nach Vorschrift geflirtet wird.“ Er führte ihn in ein großes Haus, darinnen viele Tische standen und Tafeln hingen, auf denen geschrieben war, wie man sich zu verhalten habe: wann man zu schauen, wann man zu schweigen, wann man zu antworten und wann man sich zu entziehen habe. Und es gab Listen, auf denen die Namen standen, und Zeichen, nach denen man erkannte, wer oben und wer unten stand.
In der ersten Nacht setzte sich der Junge still hin und sprach: „Wenn ich nur flirten könnt'!“ Da kamen zwei und betrachteten ihn. Sie sahen erst flüchtig, dann länger, dann gar nicht mehr, und trugen darauf etwas in ihre Listen ein. Der Junge trat hinzu und sprach: „Was schreibt Ihr da?“ – „Wir bewerten,“ sagten sie. – „Nach welchem Maß?“ – „Nach Eindruck.“ – „Und was ist das?“ – „Das, was bleibt, wenn man nichts weiß.“ Da ging er wieder fort und verstand nichts.
In der zweiten Nacht sah er, wie die Leute vor Spiegeln standen und sich prüften: Sie ordneten ihre Worte, glätteten ihre Stimmen, maßen ihre Wirkung und übten ihre Zufälligkeit ein. Einer sprach: „Sei natürlich.“ Und gleich darauf: „Aber nicht so sehr.“ Ein anderer sprach: „Zeige Interesse.“ Und gleich darauf: „Doch nicht zu viel.“ Der Junge hörte dies und sprach: „Das ist ein Maß mit zwei Enden, das zugleich lang und kurz sein soll.“
In der dritten Nacht wurde er an einen Tisch geführt, wo man ihn befragte. „Was kannst du?“ – „Nichts.“ – „Was stellst du dar?“ – „Mich selbst.“ – „Was erwartest du?“ – „Dass man sagt, was man meint.“ Da schrieben sie lange und nickten einander zu. „Er ist ungeeignet,“ sagten sie, „doch von eigentümlicher Klarheit.“
Am Morgen wurde er vor den Herrn des Hauses geführt. Der sprach: „Du hast die Regeln gesehen und dich nicht nach ihnen gerichtet. Darum verstehen wir dich nicht. Aber eben darum halten wir dich für vertrauenswürdig.“ Und er gab ihm eine Frau und ein gutes Auskommen.
Als sie verheiratet waren, sprach die Frau: „Ich will dich lehren, wie man es recht macht.“ Sie zeigte ihm die Regeln: wann er schreiben, wann er warten, wann er sich zeigen und wann er sich entziehen sollte. Sie erklärte ihm die Zeichen, die nichts sagen und doch alles bedeuten sollten. Der Junge lernte dies alles, wie man eine Vorschrift lernt. Und als er es konnte, sprach er: „Nun verstehe ich: Man zeigt, was man nicht ist, und verbirgt, was man ist, und hofft, dass beides erkannt wird.“ – „So ist es,“ sagte die Frau. Da antwortete er: „Ei, das ist ein ordentliches Verfahren.“ Und er hielt sich daran und wurde darin geübt wie alle anderen. Doch wenn er allein war, sprach er bisweilen vor sich hin: „Wenn ich nur wüsste, was es ist, das ich da gelernt habe.“
Und so lebte er vergnügt bis an sein Ende und war geschickt im Flirten und blieb doch unwissend darüber.
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