Aus die Maus

Es gab einmal eine gute Idee: die kabellose Maus. Freiheit vom Kabel – aber mit Sicherheitsnetz: Wenn nichts mehr ging, USB rein. Die Maus war sofort da. Reagierte. Tat ihren Job. Und lud sich nebenbei auf.

Das ging jahrelang gut, bis die Maus den Geist aufgab. Das Nachfolgemodell zu kaufen (ich war ja zufrieden) erweist sich jedoch umständlicher als angenommen. Denn heute ist das anders.

Heute ist das Kabel nur noch ein Ladegerät. Ein museales Artefakt. Es sieht aus wie früher – kann aber nichts mehr retten.

Ich sitze vor der neuen Maus. Schalte ein. Nichts passiert. Also mache ich, was man heute macht: Ich frage eine KI.

Die KI antwortet sofort. Klar strukturiert, souverän: „Bitte Bluetooth einschalten.“ Ich denke kurz nach. Eine Maus. Bluetooth! Wegen eines Geräts, das seit Jahrzehnten ohne Funkprotokoll auskam. Ich tue es trotzdem. Ich schalte Bluetooth ein. Und siehe da: Es funktioniert.

Die KI hatte recht. Ich schalte Bluetooth wieder aus. Und siehe da: Es funktioniert nicht mehr. Ohne meine alte Maus wäre es jetzt schwierig. Sie ruckelt zwar, aber wenigstens kann man was anklicken. Die KI hatte also nicht unrecht – sie hatte nur verschwiegen, was das bedeutet: Dass ich jetzt offenbar Bluetooth dauerhaft laufen lassen soll. Wegen einer Maus. Ich beschließe, das nicht zu akzeptieren. Ging doch früher immer mit dem USB-Empfänger. Unifying. Klappte stets auf Anhieb. „Plug & Play“, denke ich. Ein Gedanke aus einer naiveren Epoche.

Das Willkommensprogramm sagt: „Web Connect“. Die Web-Connect-Webseite verweigert meinem Browser den Zutritt (Werbeblocker) und empfiehlt ein Update des Browsers, oder gleich einen anderen Browser. Wird gemacht, hab ja sonst nichts vor. Jetzt habe ich Zutritt und der Web-Connect-Dialog verlangt von mir erstmal die Registrierung als Benutzer. Es geht immer noch nur um das Anschließen einer Maus, nicht um den Zugriff auf das NASA-Intranet. Ich wollte verbinden, nicht mich registrieren und einloggen. Ich frage die KI erneut. Sie erklärt mir Wege. Menüs. Optionen. Ich folge ihnen. „Gerät hinzufügen“, sagt sie. Ja, wo denn? Ach, da, wo ich schon verher war und nicht weiterkam! Ich gehe nochmal auf „Gerät hinzufügen“. Dort gibt es: Web Connect. Oder Bluetooth. Sonst nichts.

Ich schaue die Maus an. Die Maus schaut nicht zurück und blinkt blöde vor sich hin. Unter uns miaut etwas. Kater Filou hat Hunger. Filou, der sonst grundsätzlich Mäuse zum Fressen gern hat, ist mir in diesem Fall auch nicht behilflich. Ich unterbreche die Mausinstallation zum Katzenfüttern.

Dann ein neuer Versuch der Lösung einer Problems, das nervt, weil es so absurd unnötig ist. Was soll der verdammte Blödsinn mit dieser ganzen Heruminstalliererei. Es ist doch nur eine Maus! Warum funktioniert das Miststück nicht einfach. Wie früher. Die KI bleibt gelassen. Ich nicht. Ich installiere Dinge, die ich nicht installieren wollte. Ich klicke mich durch Dialoge, die ich nicht verstehe. Ich werde zu einem Menschen, der Anleitungen liest – und ihnen nicht mehr traut.

Ich schalte Bluetooth dann eben wieder ein. Ungern, denn dies ist eine weitere Öffnung meines Systems. Davor wird man derzeit doch dauernd gewarnt! Schließlich finde und kaufe ich etwas, mit dem das Einfach-nur-koppeln klappen soll: BOLT. Keine Cloud. Kein Login. Nur Verbindung. Ich stecke den Stick in den PC und ... nichts passiert.

BOLT funktioniert nur, so erfahre ich von der KI, mit einer Software. Beim Herunterladen werde ich darauf hingewiesen, dass man stattdessen auch Web Connect machen könnte. Jetzt wird installiert. Die Prozedur beginnt. „Bitte klicken Sie die linke Maustaste.“ Ich halte inne. Dann gehorche ich. „Bitte klicken Sie die rechte Maustaste.“ Links. Rechts. Links. Rechts. Rechts. Rechts...

Ein Eingabegerät verlangt eine Eingabeprüfung. Eine Maus testet ihren Benutzer. Nach dreißig Sekunden ist es vorbei. Ich habe offenbar falsch geklickt. „Nochmal versuchen“? Es erinnert mich an Captchas: an endlose Bilderserien, in denen man „alle mit Verkehrsschild“ auswählen soll – und nie sicher ist, ob dieses eine Pixel schon als Schild zählt. Also gut. „Nochmal!“ Links. Rechts. Links. Rechts. Rechts. Rechts. Beide! Ah, verpasst. Ich war schon bei Links. Also nochmal.

Minuten später: Die Maus ist verbunden. Der Cursor bewegt sich. Wie früher. Ich sitze da und betrachte das Kabel. Es hängt daneben. Es lädt. Es darf nicht helfen. Früher war Fortschritt: weniger Schritte zum gleichen Ergebnis. Heute ist Fortschritt: zusätzliche Schritte, zusätzliche Wege, zusätzliche Irrtümer und vielleicht auch noch alle möglichen persönlichen Daten bei Herstellern, die persönliche Daten doch einen Mausdreck angehen.

Und irgendwo dazwischen eine KI, die einem sagt, was funktioniert – aber nicht, was es bedeutet. Ich beschwere mich. „Früher hat man Geräte bedient. Heute bedient man Prozesse“, klugscheißt die KI.

Früher hat man eine Maus angeschlossen. Heute wird man von ihr angeschlossen. Outplugged. Outplayed.

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