Das Finanzamt und sein Vogel

Elster zeigt den Vogel

Der Vogel verschwindet. Die Bedeutung nicht.

Wie jeder weiß, steht „ELSTER“ für „Elektronische Steuererklärung“. Ein Akronym, sachlich, funktional, verwaltungsgeeignet. Entstanden in den 1990er Jahren, als die deutsche Steuerverwaltung begann, ihre Prozesse zu digitalisieren – föderal organisiert, technisch gedacht, sprachlich offenbar weniger reflektiert.

Denn das durchaus naheliegende Akronym „ELSTER“ hat eine Bedeutung, die kaum zu übersehen ist – spätestens dann nicht mehr, wenn sogar das Programmlogo längere Zeit eine Elster zeigte: den ganz bestimmten Vogel – einen, der im deutschen Volksmund kein unbeschriebenes Blatt ist. Die Elster ist – man verzeihe die Direktheit – diebisch. Nicht im strafrechtlichen Sinne, selbstverständlich. Eher so im übertragenen, volkstümlichen, seit Jahrhunderten gepflegten Sinne. Ein Vogel, der nimmt, was glänzt. Und der nicht lange fragt, wem es gehört.

Und genau dieses Tier wird zum Maskottchen eines Systems, mit dem Bürger dem Staat mitteilen, was sie besitzen, damit dieser entscheiden kann, was er davon behalten möchte.

Man kann das für einen Witz halten. Für unterschwellige Selbstironie gar.

Man kann es aber auch lassen.

Denn das Finanzamt ist, bei aller Liebe, keine Einrichtung, die durch übermäßige Heiterkeit aufgefallen wäre. Es gibt keine Karnevalssitzungen im Veranlagungsbezirk. Keine Pointe im Einkommensteuerbescheid. Und wenn einmal gelacht wird, dann meist nicht auf beiden Seiten des Schalters.

Umso bemerkenswerter, dass man sich ausgerechnet hier eine sprachliche Volte leistet, die irgendwo zwischen Selbstironie und unfreiwilliger Groteske pendelt.

Dass diese Irritation nicht nur Einbildung ist, zeigt ein Blick in die Öffentlichkeit. Ein Pressekommentar bemerkte bereits 2009, die Elster sei „von altersher als diebischer Rabenvogel bekannt“, und fragte sich vorsichtig, ob die Erfinder des Systems „wirklich so weit gedacht haben“. Die Antwort fiel knapp aus: wohl kaum.

Petition 73896

Noch höflicher wurde es in einer Petition an den Deutschen Bundestag. 2017 wurde dort beanstandet, dass ein staatliches Verfahren ausgerechnet den Namen eines Tieres trägt, das im allgemeinen Sprachgebrauch diebisch ist und dadurch auf „unnötige und sarkastische Weise die Nutzer des eben genannten Programms“ provoziere. Eine Frage des Anstands, könnte man meinen. Oder zumindest des Taktes: „Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass das Steuerprogramm „ELSTER“ einen NICHT provozierenden Namen erhält.“

Steuern als monetäre Leistungen ohne Anspruch auf individuelle Gegenleistung [werden] mit Nutzung von ELSTER-Online einem Diebstahl am Nutzer gleichgestellt.

Der Petition wurde nicht entsprochen, „weil dem Anliegen nicht entsprochen werden konnte“.

Dafür lohnt sich ein Blick in die Kommentare. Dort findet sich jene Haltung, die man sonst eher aus Warteschlangen kennt:

Ist ne Abkürzung die sich begründen lässt. Genauso wie ich der Meinung bin, dass man auch wieder Kongresszentrum mit KZ abkürzen sollen darf, finde ich, dass ELSTER okay sein muss. Wer sich davon gestört fühlt muss eben an sich arbeiten.

Das ist, bei Licht besehen, ein kleines Meisterstück. Denn Arbeit macht ja bekanntlich … frei. Die Welt ist einfach, wenn man sie einfach hält. Worte bedeuten nichts, solange sie sich technisch erklären lassen. Und wer doch noch etwas hört, was da vielleicht mitschwingt, der hat eben falsch gehört. Oder falsch gedacht. Oder einfach ein Problem.

Was bleibt?

War das alles Absicht? Hat sich irgendwo ein besonders humorbegabter Beamter durchgesetzt und gesagt: „Nennen wir es doch nach einem Vogel, der stiehlt – das wird ein Spaß“?

Wohl kaum.

Wenn es jemanden gestört hat, dann war es nicht wichtig genug. Denn es ließ sich ja begründen. Und was sich begründen lässt, ist im Zweifel richtig.

So entsteht kein böser Witz. Ein guter schon gar nicht. Immerhin – einen Vorteil hat die Sache: dem Finanzamt ganz offiziell sagen zu können, dass es einen Vogel hat.

Die symbolische Elster hat sich inzwischen von allein verzogen. Der Vogel ist verschwunden. Der Name bleibt.


Quellen