Harmonisierte Harmonie
Das Problem ist bekannt und hinreichend beschrieben: Einverständnis ist Voraussetzung, aber schwer zu beweisen. Kommunikation ist situativ, Erinnerung fehleranfällig, Verfahren (etwa wegen Missbrauchs oder Vergewaltigung) enden nicht selten in Aussage-gegen-Aussage-Konstellationen. Also Disharmonie.
Das gilt besonders für sexuellen Konsens. Und wer könnte Probleme, die hinreichend beschrieben, aber schwer zu beherrschen sind, verlässlicher harmonisieren als die Europäische Union?
Das Ziel ist natürlich nicht die Lösung des Problems, sondern seine Überführbarkeit in ein einheitliches Verfahren.
Der erste Schritt ist dabei stets derselbe: die Einrichtung eines Gremiums. Im vorliegenden Fall übernimmt diese Aufgabe die Commission européenne des contacts interpersonnels (CECI). Ihre Zusammensetzung ist interdisziplinär, ihre Zuständigkeit umfassend, ihr Auftrag klar umrissen: Harmonisierung.
Zur operativen Umsetzung wird innerhalb der Kommission ein spezialisierter Ausschuss eingerichtet: das Comité européen des liaisons et accords de vie interpersonnels (CELAVI).
Nach intensiver Abstimmung legt CELAVI ein erstes Ergebnis vor: die EU-weit standardisierte Einverständniserklärung „EU-EROGO“. Sie ist mehrsprachig, modular aufgebaut und kompatibel mit bestehenden administrativen Strukturen. Besonderes Augenmerk lag auf Anschlussfähigkeit.
Vorbild: Unfallbericht
Denn die grundlegende Einsicht ist einfach: Es gibt bereits ein Verfahren, das mit Verkehrsunfällen seit Jahrzehnten erfolgreich umgeht. Der europäische Unfallbericht. Zwei Parteien, begrenzte Felder, klar definierte Kategorien, eine Skizze zum Ablauf des Geschehens. Sprachunabhängig, interoperabel, millionenfach bewährt.
Es lag daher nahe, diese Struktur zu adaptieren.
Auch hier stehen sich zwei Beteiligte gegenüber. Auch hier ist der Ablauf nicht immer eindeutig rekonstruierbar. Auch hier besteht ein gesteigertes Interesse an nachträglicher Klärung. Und auch hier dreht es sich um Verkehr, bei dem etwas anders läuft als gedacht.
Die Übertragung erfolgt folgerichtig: Beteiligte werden erfasst, Optionen angekreuzt, Abläufe skizziert. Unterschriften sichern die Verbindlichkeit. Ergänzende Anlagen erlauben die Berücksichtigung komplexerer Konstellationen.
Das Ergebnis ist ein Formular, das alles leistet, was moderne Verwaltung leisten muss: Es schafft Ordnung, wo vorher Interpretation herrschte. Es erzeugt Eindeutigkeit, wo zuvor Kommunikation stattfand.
Ob es die Wirklichkeit besser abbildet, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sie sich nun dokumentieren lässt.
Weitere Schritte sind bereits in Vorbereitung. Diskutiert werden unter anderem digitale Schnittstellen, automatisierte Plausibilitätsprüfungen sowie die Einführung eines europaweit harmonisierten Online-Einverständniserklärungssystems für Reisen. Es genügt dann der Personalausweis (EU-EROGO TRIP-PER).
Das Problem ist damit nicht verschwunden. Aber es ist jetzt zuständig geregelt. Zumindest formal.


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