Rezensenten-Bingo

Das passt zu einem Film, der sich letztlich zu sehr in einem dichotomischen Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Denken verliert. Der Manichäismus, der diesem zugrunde liegt, taugt nicht wirklich zur Analyse der Realität.

Die obige Passage aus einer epd-Filmrezension bedeutet eigentlich nur: „Der Film denkt zu sehr in Gut und Böse. Und das ist zu einfach.“ Nun könnte man einwenden, auch diese „Übersetzung“ sei ihrerseits wieder zu einfach. Aber warum eigentlich?

Kunstkritik ist ein merkwürdiges Gewerbe. Der Rezensent muss zeigen, dass er nicht nur gesehen oder gelesen hat, sondern auch verstanden. Und Verstehen wirkt überzeugender, wenn es nach Theorie klingt. Aus einem klaren Gedanken („Der Film vereinfacht zu sehr“) wurde im obigen Beispiel eine kleine Begriffskaskade aus Dichotomie, Manichäismus und Realitätsanalyse. Das ist zwar doppelt und dreifach gemoppelt, aber: es klingt gelehrt, schafft Distanz zum Gegenstand – und vor allem zum Publikum – und signalisiert: Hier schreibt jemand auf Feuilleton-Niveau.

Die Ritter des Feuilletons: Zeichnung im Dürer-Stil, drei Ritter mit Filmklappe, Buch und Malerpinsel
Ein Klick und die nächste Rezension kommt daher. Wortgewaltig aufgeblasen.

Zehn typische Satzanfänge aus der wunderbaren Welt der Rezensionen

Wer regelmäßig Film-, Buch- oder Kunstkritiken liest, kennt das Ritual: Der Text setzt nicht einfach ein – er tritt auf. Er räuspert sich, richtet die Krawatte des Gedankens und erklärt dann mit würdevoller Miene, warum das Werk (leider) an der Welt (leider) scheitert – oder umgekehrt. Damit das klappt, braucht es Satzanfänge, die sofort signalisieren: Hier spricht jemand, der Notizen macht.

  1. „Schon der Titel verrät, worum es hier eigentlich geht …“
    Praktisch, weil man dann den Inhalt nicht mehr so ausführlich braucht. Ein Titel ist schließlich auch schon eine Art Roman.
  2. „Was zunächst wie … wirkt, entpuppt sich als …“
    Der Lieblings-Salto der Kritik: erst ein Vorwurf, dann eine Rettung – oder umgekehrt. In jedem Fall darf man „entpuppt“ sagen, ohne je einen Kokon gesehen zu haben.
  3. „Auf den ersten Blick scheint …“
    Auf den zweiten Blick ist es dann komplizierter. Auf den dritten Blick ist es „ambivalent“. Und auf den vierten Blick hat man seinen Absatz fertig.
  4. „In seinem neuen Roman widmet sich X erneut einem seiner großen Themen …“
    Das ist der Moment, in dem ein Mensch ein Buch geschrieben hat – und der Rezensent ihm feierlich Themen zuteilt. Wie Orden.
  5. „Der Film bewegt sich zwischen … und …“
    Bewegung ist immer gut. Besonders, wenn man nicht genau sagen will, wo der Film eigentlich steht. Zwischen zwei Wörtern ist immer Platz.
  6. „Schon in der ersten Einstellung wird klar …“
    Das heißt: Der Kritiker war nach acht Sekunden fertig mit dem Denken. Das ist beneidenswert – und wird darum gern als Methode verkauft.
  7. „Dabei ist X weit mehr als nur …“
    Die elegante Aufwertung: Man erfindet erst eine falsche, dumme Deutung („nur“) und überwindet sie dann heldenhaft im nächsten Halbsatz.
  8. „Mit dieser Ausstellung zeigt X einmal mehr …“
    „Einmal mehr“ ist die höfliche Art zu sagen: „Wir kennen das schon.“ Aber wir schreiben trotzdem drüber, weil es ja wieder im Raum hängt.
  9. „Mit seinem neuen Film legt X eine … Studie vor.“
    „Studie“: ein Wort, das jedes Werk sofort nach Universität riechen lässt. Der Zuschauer dachte, er geht ins Kino. In Wahrheit hat er ein Seminar besucht.
  10. „Am Ende bleibt die Erkenntnis …“
    Das Ende bleibt immer. Die Erkenntnis ist optional. Aber sie klingt besser, wenn man sie „bleiben“ lässt.

Hinweis: Diese Satzanfänge sind nicht falsch. Sie sind nur so gebaut, dass sie auch dann noch stehen, wenn der Text darunter zusammenfällt.

Rezensionsweisheiten à la Hesselbach

Zehn berühmte Trost-Zitate

Wer ein Buch schreibt, einen Film dreht oder ein Kunstwerk schafft, muss damit rechnen, dass früher oder später jemand darüber schreibt. Oft jemand, der weder ein Buch geschrieben, einen Film gedreht oder ein Kunstwerk geschaffen hat. Das nennt man Kritik. Zum Glück gibt es eine lange Tradition tröstlicher Worte für ihre Opfer.

  1. „Der Rezensent – das ist ein Mann, der alles weiß und gar nichts kann.“
    Ernst von Wildenbruch
  2. „Critics are like eunuchs in a harem; they know how it's done, they've seen it done every day, but they're unable to do it themselves.“
    (Kritiker sind wie Eunuchen im Harem: Sie wissen genau, wie es gemacht wird, können es aber nicht.)
    Brendan Behan
  3. „Kritik ist die Kunst, andere für Fehler zu tadeln, die man selbst nie zu machen wagt.“
    – Urheber unklar
  4. „Wer sich mit der Kunst verheiratet, bekommt die Kritik zur Schwiegermutter.“
    Hildegard Knef
  5. „Mancher lehnt eine gute Idee bloß deshalb ab, weil sie nicht von ihm ist“
    Luis Buñuel
  6. „Ein Kritiker ist eine Henne, die gackert, wenn andere legen.“
    Giovanni Guareschi
  7. „Ein erfolgreicher Kritiker interessiert sich nicht für das Werk, sondern will seine Sicht der Dinge in möglichst geistreichen Formulierungen loswerden.“
    Herbert Feuerstein
  8. „Criticism is a study by which men grow important and formidable at very small expense.“
    (Kritik ist eine Beschäftigung, durch die man mit geringstem Aufwand bedeutend und gefürchtet erscheinen kann.)
    Samuel Johnson
  9. „Kritiker sind Menschen, die von Kunst leben wie Mistkäfer von Blumen.“
    – zugeschrieben Jean Cocteau
  10. “The critic has to educate the public; the artist has to educate the critic.”
    (Der Kritiker muss das Publikum erziehen; der Künstler muss den Kritiker erziehen.)
    Oscar Wilde

Man sollte Kritiker übrigens nicht unterschätzen: Ohne sie wüssten viele Künstler gar nicht, was sie eigentlich gemeint haben.

Für Härtefälle: Greif zu Goethe!

Johann Wolfgang von Goethe: „Der Rezensent“ (1774) Goethe und Matthias Claudius

Ob er den Braten gerochen hat? Matthias Claudius war Redakteur des „Wandsbecker Bothen“. 1773 wurde dort Goethes Drama „Götz von Berlichingen“ nicht sehr schmeichelhaft besprochen. Im Zusammenhang mit dieser Rezension entstand Goethes wohl berühmteste Kritikerschmähung der Literaturgeschichte. Auch sie wurde im „Wandsbecker Bothen“ abgedruckt – etwa ein Jahr später.

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