Die gelindnerte FDP
Alles lässt sich lindnern. Leider auch die FDP.
»Es ist besser, nicht gewählt zu werden, als falsch gewählt zu werden«
Christian Lindners politisches Meisterwerk war seiner Zeit einfach voraus. Ausgestattet mit einem satten Wählerauftrag von über 10 % ging die FDP bei den Bundestagswahlen 2017 mit rund 6 Plus-Prozentpunkten in die „Jamaika“-Sondierungen.
Als Lindner danach verkündete: „Lieber nicht regieren, als falsch regieren“, hielten viele das für einen etwas abrupten Abgang. Manche fanden es überzeugend, andere nicht. Heute lässt sich erkennen: Es war der Auftakt einer verhängnisvollen Lindnerisierung der Liberalen.
Bei der Bundestagswahl 2021 überzeugte Lindner viele Wähler noch einmal davon, er könne mit Verantwortung umgehen. Ein Trugschluss. Fast zehn Jahre nach dem ersten mandatus interruptus hat die FDP ihr Konzept perfektioniert: Nicht nur „falsch“ Regierungsverantwortung übernehmen wird vermieden – inzwischen wird übernommene Verantwortung selbst aktiv unterbunden: Am Abend des 6. November 2024 ließ Lindner die Dinge so konsequent eskalieren, dass er entlassen wurde – ein Selbstabgang mit Fremdhilfe. Das Prinzip blieb gewahrt: Lieber nicht mehr regieren als „falsch“. Ein Prinzip, das den Wählerauftrag, sich zu engagieren und für Positionen zu kämpfen, demonstrativ aufgibt. Lindner als Schulbub, der die anderen mit einem beleidigten „Dann eben nicht“ stehen lässt, statt Kompromisse zu erarbeiten.
Gewarnt worden war man 2017. Aber so dürften sich die Wähler das kaum vorgestellt haben, als sie 2021 ihr Kreuz bei FDP und Lindner machten.
Die Entwicklung lässt sich auch empirisch nachvollziehen:
| Jahr | Wahl | Anteil% |
|---|---|---|
| 2017 | Bundestagswahl | 10,7 (+5,9) % |
| 2019 | Europawahl | 5,4 (+2) % |
| 2021 | Bundestagswahl | 11,4 (+0,7) % |
| 2024 | Europawahl (5 Monate vor dem Ampel-Bruch)(vor dem Ampel-Bruch) | 5,2 (−0,2) % |
| 2025 | Bundestagswahl (nach dem Ampel-Bruch) | 4,3 (−7,1) % |
| 2026 | Landtagswahl Baden-WürttembergBW | 4,4 (−6,1) % |
| 2026 | Landtagswahl Rheinland-PfalzRP | 2,1 (-3,4) % |
Die Erfindung des Deonyms „Lindnern“
Keine Lust, Verantwortung zu übernehmen? Dann lindnern auch Sie!
„Vielleicht haben Sie ja auch schon davon geträumt, einfach mal spontan hinzuwerfen“, hieß es einst bei extra 3. Die Pointe bestand darin, etwas lieber gar nicht zu tun, als es falsch zu tun — mit dem Zusatz „Ich lindner jetzt!“ Diese Punchline parodierte das Werbe-Deonym „Ich parshippe jetzt!“ des Online-Dating-Dienstes Parship, der in den 2010er-Jahren durch Fernsehwerbung in Deutschland bekannt wurde.
In der Tat hatte die FDP weder bei der Partnersuche noch bei den Wählern besonderes Glück. Das bestätigt den Lindner-Effekt eher, als dass es ihm widerspricht: Wer gar nicht erst gewählt wird, kann auch nichts falsch machen. Ein politisches Perpetuum mobile der Verantwortungslosigkeit. Die FDP befindet sich 2026 dort, wo sie nach solchen Volten hingehört: jenseits von Regierungsverantwortung, Wählerauftrag und politischer Bedeutung.
Was bleibt? Was wird aus „lindnern“?
Würde „lindnern“ – wie „googeln“ – in den allgemeinen Sprachgebrauch eingehen, wäre das dem Namensgeber gegenüber nicht schmeichelhaft, aber konsequent — denn gemeint ist ein bestimmtes Verhalten: sich entziehen, statt zu gestalten; abbrechen, statt auszuhalten; Verantwortung vermeiden, wo sie eingefordert ist.
Hinzu kommt die damit verbundene Radikalität, die man in einer liberalen Tradition kaum erwarten würde: nicht im Inhalt, sondern im Verhalten. Der kategorische Abbruch ersetzt den Kompromiss, das Prinzip die Abwägung. Eine Haltung, die weniger zur Mitte passt als an den Rand.
Der dadurch verursachte Schaden ist nachhaltig: ausgerechnet eine Partei, die für liberale Ausgleichspositionen stehen könnte, verabschiedet sich auf diese Weise aus dem politischen Raum. Dies schwächt die politische Mitte in einer Phase, in der sie gebraucht würde.
Das Deonym „Lindnern“ hat das Potenzial, für immer der Inbegriff für feiges, faules und radikal unverantwortliches Handeln zu sein.

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