Brauchtum ohne Geschichte

Riedhutzel ohne Gesicht
Riedhutzel - die Saulgauer Hexenfigur

Die Saulgauer Riedhutzel ist eine Hexenfigur der schwäbisch-alemannischen Fasnet und gehört zur Dorauszunft Bad Saulgau. Sie entstand im frühen 20. Jahrhundert in der Brauchtumsbewegung als Teil der Gruppe der „dämonischen“ Maskengestalten. Es handelt sich um eine handgeschnitzte Holzmaske mit stark überzeichneten, runzeligen Gesichtszügen. Typisch ist auch das gepunktete Kopftuch, die Strohschuhe und der Reisigbesen.

Wenn im November die ersten Masken aus den Schränken geholt werden, wenn die „fünfte Jahreszeit“ beginnt, wenn von „schönstem Brauchtum“ die Rede ist und die Vorfreude auf Umzüge wächst, dann spüre ich kein Festgefühl. Ich spüre Unruhe. Und eine alte, sehr kindliche Form von Beklemmung.

Ich habe als Kind eine Zeit in Bad Saulgau gelebt. Damals hieß es noch Saulgau, es war Mitte der 1960er Jahre. Wir hatten eine Nachbarin, eine sehr alte Frau, die von vielen gemieden wurde. Es hieß, sie sei eine Hexe. Uns wurde verboten, so über sie zu sprechen. Eingeladen haben sie unsere Eltern aber auch nicht.

Hexen! Das war in Saulgau ein prominentes Thema. Legendär: die „Saulgauer Hexen“. Auch heute. Tolle, handgeschnitzte Masken. Brauchtum. Tradition. Fasnet. Als Kind lernte ich noch etwas anderes über die Saulgauer Hexen: Man geht ihnen aus dem Weg. Ganz besonders als Mädchen oder junge Frau. Das war keine ironische Warnung. Es war eine ernst gemeinte Verhaltensregel.

Die Hexen waren nicht verspielt. Sie waren bedrohlich. Es gab einen „Hexenwagen“. Maskierte Hexen – damals meist Männer mit Hexenmasken – machten Jagd, besonders auf jüngere Mädchen. Wer eingefangen wurde, landete auf diesem Wagen und wurde erst draußen vor der Stadt freigelassen. Es gab Gerüchte über Geschehnisse, die man heute als Übergriffe strafrechtlich verfolgen würde.

Für die Beteiligten war das Brauch. Für uns Kinder war es ein Moment, in dem Schutz außer Kraft gesetzt war.

Damals stellte man so etwas nicht infrage. 1950er, 60er Jahre. Autoritäten galten. „Das gehört dazu.“ Angst hatte keinen gesellschaftlichen Status. Wer sich unwohl fühlte, war empfindlich. Wer Grenzen überschritt, war halt „Narr“.

Der eigentliche Abgrund: Die Figur fällt nicht vom Himmel

Mein eigentliches Unbehagen gilt der Entstehung dieser Fasnetsfigur. Denn diese Figur – die „Hexe“ – ist kein neutrales Fabelwesen. Sie fällt nicht vom Himmel. Sie wächst aus Geschichte.

In Saulgau wie in vielen Orten wurden in der frühen Neuzeit reale Menschen als Hexen verfolgt, gefoltert, getötet. Frauen, Nachbarinnen, Mütter. Das Wort „Hexe“ war keine Fantasie, sondern eine Anklage – ein soziales Todesurteil.

Und hier beginnt das Paradox:

Später, in der Entwicklung des Brauchtums, greift man ausgerechnet auf diese Figur zurück – als Schreckgestalt, als dämonisches Wesen, als Verkörperung von Unheimlichkeit. Aber woher stammt dieses Bild? Aus Märchenbüchern? Aus „uriger Naturmystik“? Kaum. Der Begriff „Hexe“ war über Jahrhunderte eine reale Anklagekategorie, verbunden mit Verfolgung, Folter und Tod.

Als die Figur im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Brauchtumsformen auftauchte – auch in Saulgau – geschah das nicht immer aus historischer Reflexion, sondern aus einem romantischen Geschichtsbild. Die damalige Heimat- und Brauchtumsbewegung suchte das „Archaische“, das „Dunkle“, das „Urtümliche“ – nicht die Erinnerung an Justizopfer.

Hier liegt das Paradox: Die Narren-Hexe entstand vielleicht nicht wegen der verbrannten Opfer der Hexenverfolgung. Sicher aber trotz dieser Opfer. Man löste die Figur von ihrer historischen Realität, vergaß das Leid – behielt aber das Bedrohungsbild.

Die Verfolgten verschwanden aus dem Gedächtnis. Die Zuschreibung blieb. Aus der verfolgten Frau wurde eine dämonische Maske.

Das ist vielleicht keine bewusste Entscheidung gewesen. Es ist vielleicht ein Mechanismus kultureller Verdrängung: Geschichte wird nicht erinnert, sondern umgedeutet. Das Trauma wird nicht betrauert, sondern ästhetisch weiterverwendet.

Vielleicht aber auch nicht: Zahlreiche Hexenzünfte haben den historischen Zusammenhang zur Hexenverfolgung selbst hergestellt. So verweisen sie „in ihren Gründungsgeschichten, Namensgebung ihrer Figuren und ritualisierten Inszenierungen (Hexensabbat mit dem Teufel, Walpurgisnacht, Hexentaufe, Hexentanz, Hexengericht u. a.) auf den Volksglauben zum Hexenwesen und auf historische Personen zur Zeit der Hexenverfolgung“:

Die 1939 gegründete Hexenzunft Obernheim e. V. rekurriert bei ihrem fastnachtlichen Treiben auf historische Hexenprozesse mit Folterung und Hinrichtung („Hexenverbrennung“) von Frauen, die wegen angeblicher „Teufelsbuhlschaft“ verurteilten worden sind, was ihr 1988 in Hechingen eine von einem Amtsrichter erstattete Strafanzeige wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener, nämlich das der unzähligen Opfer der Hexenverfolgung, einbrachte. Das Ermittlungsverfahren wurde unter anderem mit der Begründung eingestellt, dass es an einer „Persönlichkeitsverletzung eines konkret bestimmbaren Personenbereichs“ fehle.

(Quelle: Wikipedia/Fastnachtshexe)

Besonders deutlich wird die geschichtliche Unbedarftheit mancher Traditionen, wenn man aktuelle Berichte über solche Inszenierungen liest. In einem Fasnetsbericht des Schwarzwälder Boten vom März 2019 („Obernheim - Alles Wehklagen hilft nichts: Unholda Moserin stirbt den Feuertod“) wird ein „Hexenprozess“ als Höhepunkt beschrieben: Anklage, Folter, erzwungenes Geständnis, Todesurteil, Verbrennung – exakt die Dramaturgie realer frühneuzeitlicher Hexenprozesse. Die „Hexe“ beteuert ihre Unschuld, wird „auf der Folterbank gestreckt“, gesteht unter Zwang und wird verbrannt. Danach folgen Musik, Polonaise, Applaus.

Hier wird kein Märchen erzählt. Hier wird die Logik eines historischen Justizverbrechens als Brauch aufgeführt. Die Struktur von Unrecht wird nicht erinnert, sondern ästhetisch nachgespielt. Genau das zeigt, wie weit sich Brauchtum von Geschichtsbewusstsein entfernen kann: Die Gewaltform bleibt als Ritual erhalten, während ihr historischer Kontext – Verfolgung Unschuldiger, Folter, Justizmord – aus dem moralischen Blickfeld verschwindet. All das geschieht unter dem Schutzmantel der Narretei. Die Maske macht aus Tätern Rollenfiguren, aus Gewalt Handlung, aus Geschichte Folklore. Gerade darin liegt das Unheimliche: Nicht die „Hexe“ ist die dämonische Figur, sondern die Struktur, die sie umgibt. Die grausamen Narren sind keine Fantasiegestalten – es sind Menschen, die im Rahmen des Brauchs Handlungen vollziehen dürfen, die außerhalb des Rituals als Gewalt gelten würden.

Die Narrheit wirkt wie ein kultureller Ausnahmezustand. Sie setzt soziale Hemmungen außer Kraft und verwandelt historische Gewaltmuster in unterhaltsame Szenen. Ist das nicht der eigentliche Schrecken: Dass nicht das Böse maskiert wird, sondern dass die Maske das Böse gesellschaftsfähig macht?

Die zweite Ebene: Wenn aus Symbol Wirklichkeit wird

In meiner Kindheit, in Saulgau, da geschah etwas, das eine Verschiebung greifbar machte, die ich empfand, aber damals nicht verstand:

In der Verkleidung dieser „Hexen“ wurde reale Macht ausgeübt. Maskiert, gruppendynamisch, durch Brauch legitimiert. Wieder waren es Mädchen, die sich nicht entziehen konnten. Wieder wurde Angst erzeugt. Wieder schaute die Umgebung zu. Und wieder hieß es: Das ist Tradition.

Ich sehe darin natürlich keine Fortsetzung der Hexenverfolgung. Aber ich sehe eine Struktur, die sich erschreckend ähnlich anfühlt:

  • Eine weiblich codierte Figur wird zur Projektionsfläche von Bedrohung.
  • Diese Figur legitimiert Grenzüberschreitung.
  • Und reale Betroffene verlieren in diesem Moment ihren Schutz.

Erst waren es „Hexen“, die verfolgt wurden. Dann verschwand ihre Geschichte aus dem Bewusstsein. Dann kehrte die „Hexe“ als Schreckfigur zurück. Und in dieser Rolle wurde erneut Angst normalisiert.

Warum mir graut

Vielleicht ist das der Grund, warum mir vor der Fasnetszeit graut: Weil ich weiß, wie dünn die Schicht ist, die zwischen Rolle und Macht liegt. Wie schnell aus Symbol Wirklichkeit wird. Und wie lange es dauert, bis eine Gesellschaft merkt, dass sie unter einer Maske etwas weitergetragen hat, das sie längst überwunden glaubte.

Man kann das übertrieben finden. Empfindlich. Humorlos. Ich nenne es Erinnerung.