Ein alter Bekannter

Mikesch und der Bär beim Bier. Zum Kuckuck mit den Papageien.

Mikesch und der Bär

Es klingelt an der Tür. Um diese Zeit? Für Lieferanten zu spät. Wer weiß denn nicht, dass ich um diese Zeit keine Besuche mag. — Der Bär!

Vor vierzig Jahren waren wir ein Dream-Team. Ich war die Frechheit, er die Kraft. Jeder hatte — auf seine Weise — reichlich, was dem anderen etwas fehlte: Schlagfertigkeit. Das war toll, denn wir waren praktisch unschlagbar, und wir hatten ein besonderes Spiel. Herumhängen an etwas zwielichtigen Orten, vorzugsweise solchen mit Billard. Dann beobachteten wir andere Herumhängende. Junge Männer unseres Alters interessierten uns nicht, wir waren auf die „Säcke“ aus. Erwachsene, „ältere“ Männer, also zwischen 25 und 40 – mit offenen Hemden, Goldkettchen und gefälschten Rolexuhren, die ihr Rad schlugen vor den viel zu jungen Mädchen. Glückten sie mit ihrem Imponiergehabe, dann ging es für die Mädchen meist nicht schön aus. Das war allen bekannt – nur jungen Mädchen nicht.

Unser Spiel war, den Möchtegernzuhältern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wir hörten dann eine Weile zu, bis etwas fiel, an dem ich einhaken konnte, das ich ungefragt laut genug kommentierte. Im besten Fall ergab sich daraus ein verbaler Schlagabtausch zu Ungunsten des Sacks. Nie kam es zu einem physischen. Zu groß und naturgewaltig war der Bär, der sich neben mir aufbaute, wenn die Irritation des Sacks in Aggression überzugehen drohte. Der Sack gab immer auf – manchmal murrend oder kopfschüttelnd, aber er ging seines Weges und ließ das Täubchen, das er schon im Käfig gewähnt hatte, zurück. Die Sitzengelassene war leicht zu trösten. Nicht immer, aber oft begreifend, was gerade geschehen war.

So war das mit dem Bär. Unwiederbringlich. Heute würden wir wahrscheinlich mit solchen Spielchen nicht lange überleben (auch der Typ des einheimischen Hobbyzuhälters ist passé).

Und da steht er jetzt, der Bär – etwas verwahrlost, furchteinflößend immer noch, aber auf eine andere Weise. Er will mich einladen – auf ein Bier. Wir erzählen, wie es uns erging. Ich nach Schweden – er durch die Welt, war auf allen Kontinenten und ist mal da, mal dort Vater geworden. Liebe? Nein, nein – sagen wir mal „Zufall“. Ein Flüchtender. Schließlich wieder dort angelangt, wo er herkam. Die Flucht hatte ein Ende, aber erst hier wurde er wirklich Aussteiger. Es begann wohl damit, dass er irgendwelche Abgaben oder Steuern oder Pflichtversicherungen rundweg ablehnte. Und er nicht einsehen wollte, dass der Staat nicht aufgibt, wenn er etwas von seinen Bürgern will. So lebt er heute völlig besitzlos – ein Zustand, der regelmäßig durch einen Beamten (ich erinnere nicht mehr, welcher Art) kontrolliert wird. Einem nackten Bären kann auch der Staat nicht in die Taschen greifen.

Wir sitzen also da, der Bär und ich, und teilen ein Bier. Trump ist wieder da. Scholz wieder weg. Und der Merz ist gekommen, ha ha. Nix besser. Und sonst? Ich frage nicht viel. Er redet. Über die Gegenwart. Wie man mit wenig sehr glücklich sein kann. Und gesund! Ohne Giftspritzen.

„Na“, hake ich ein. „Was meinst du denn damit?“

„Impfungen zum Beispiel. Die sollen uns krank machen.“

„Jetzt bleiben wir mal auf dem Teppich“, murre ich, denn diese Richtung gefällt mir nicht. „Impfen hilft, nicht krank zu werden.“

„Da muss ich dich leider enttäuschen. Glaubst du wirklich, dass die jemals wollten, dass wir gesund bleiben? Die haben uns doch erst krank gemacht – mit dem ganzen Dreck in der Nahrung, der Luft, dem Wasser. Dann hauen sie die Giftspritze rein und sagen, das sei Solidarität. Ich nenne das: Versuch am lebenden Objekt.“ Ich will etwas sagen, aber ich lasse es. Das „die“. Was ist das – „die“? Noch während ich überlege, ihn das zu fragen, setzt der Bär fort: „Weißt du, wie viele jetzt an plötzlichem Herztod sterben? Früher hieß das ‚Herzinfarkt‘. Heute sagen sie ‚unerklärlich‘. Und die Kinder. Die Kinder! Noch nie hatten so viele Kinder Schlaganfälle.“

Er redet sich nicht in Rage. Das ist das Beängstigende. Er ist ruhig. Überzeugt. Er meint das ernst. Und es ist nicht das erste Mal, dass er dieses Thema bespricht. An meinem Gesichtsausdruck scheint er sofort zu wissen, was ich wohl denke: „Ja. Ja.“ Er lächelt etwas. Denn er weiß es: „Jetzt denkst du bestimmt, dass ich mit Verschwörungstheorien ankomme.“ Ich kann nur zustimmen. Dann er: „Du kennst dich vielleicht aus, aber ich kann dir auch noch ein paar Sachen sagen, die du nicht wusstest.“ Ich bleibe stumm. Er will mir etwas erzählen. Also soll er das. „Wusstest du zum Beispiel, dass es das Wort ‚Verschwörungstheorie‘ erst seit den 1960er-Jahren gibt?“

„Das ist mir neu.“

„Ja, und zwar wurde der Begriff von der CIA erfunden.“ — „‚Verschwörungstheorie‘ wurde von der CIA erfunden? Die CIA hat ein deutsches Wort erfunden?“

„Natürlich nicht das. Das Englische: Conspiracy Theory! Nach dem Kennedy-Attentat. Damit jeder, der zu viele Fragen stellt, gleich als Spinner gilt.“

Das klingt plausibel. Ist aber zu plausibel, um wahr zu sein. Vielleicht ist es halbwahr. Ich nicke langsam. Nicht zustimmend. Nur – zuhörend. Der Bär sagt „Die Wahrheit ist: Es gibt keine Zufälle. Es gibt nur Pläne. Die NATO ist kein Verteidigungsbündnis. Die WHO ist keine Gesundheitsorganisation. Und das WEF will nicht Wohlstand für alle, sondern totale Kontrolle. Die machen kein Geheimnis draus. Du musst nur hinhören.“

„Also erstens, lieber Bär“, doziere ich, „sollte man sehr skeptisch sein, wenn jemand dauernd das Wort Wahrheit hochhält. Die Prawda der Sowjets war ja nicht gerade für Objektivität bekannt. Und dann gibt es doch eine Plattform, die extra gegründet wurde, weil das Herumlügen auf Twitter unterbunden wurde – die heißt wie? Truth Social!

Touché? Nö. Den Bären lässt meine Sprachkritik kalt.
„Und was soll passieren?“, frage ich, langsam etwas genervt. „Was kommt als Nächstes?“ Er lehnt sich vor. Die Stimme bleibt ruhig, fast freudig: „Blackout. Börsencrash. Cyberangriff vielleicht. Irgendwas, das alles zum Erliegen bringt. Der große Knall.“

„Dazu brauchen wir keine Verschwörung“, gebe ich mich ironisch. „Das schafft Trump auch so!“ Mein Witz bringt nur ein müdes Lächeln zurück. Und etwas Erwartungsfrohes: „Genau! Und weißt du was: Darauf freue ich mich schon! Wenn der ganze Sumpf ausgehoben wird. Da wird aufgeräumt. Mit dem Tiefen Staat. Mit den Perversen, den Kinderfängern, den Pharmakartellen. Mit der ganzen korrupten Scheiße.“

„Was für Kinderfänger?“, frage ich blöde.
Was ist aus ihm geworden, denke ich. Was ist aus meinem Bären geworden. Ich weiß doch: Der Bär ist ein guter, kein schlechter.

„Das System muss brennen. Nur aus der Asche kann was Neues entstehen.“
Mein guter Bär ist bei den Papageien gelandet. Er plappert Slogans nach.
Extremisten-Slogans.

Was sagt man da? Ein Versuch: „Du redest davon, dass alles zerstört werden muss. Aber wir leben doch in diesem System. Du auch.“ Er zieht die Schultern hoch. „Dann muss ich eben nochmal von vorn anfangen. Oder gar nicht. Aber das hier – das ist nicht lebenswert.“

„Naja. Hm. Also: Prost!“ Wir stoßen an und schweigen beide. Und sitzen nun da, bei unserem lebensunwerten Hopfentrunk. Einen Trumpf habe ich noch: „Ich finde, du gehst da Leuten auf den Leim, die genau wissen, dass das alles erstunken und erlogen ist. Nehmen wir mal Alex Jones. Und die ganzen durch ihn aufgehetzten Leute. Der Typ, der mit dem Sturmgewehr in eine Pizzeria marschiert ist, weil er dachte, da würden Kinder gehalten. Apropos Kinderfänger.“

Der Bär nickt langsam. „Pizzagate. Ja. Hab ich mitbekommen.“ Dann legt er den Kopf leicht schief, schaut mich an. Ganz ruhig: „Vielleicht hatte er recht.“

Es fällt mir schwer, weiterzusprechen. Vielleicht, weil ich nicht mehr weiß, wo überhaupt noch Gespräch möglich ist. Ich dachte, bei Alex Jones könnten wir einen gemeinsamen Nenner finden. Gefehlt. Weit gefehlt. Der Bär ist in einer anderen Realität. Einer mit Gegenwahrheiten, eingebettet in „alternative Fakten“, die man nicht widerlegen kann. Jede Widerlegung beweist geradezu die Manipulationsmacht des Tiefen Staats, der Perversen, der Kartelle. Eine Widerlegung bestätigt die eigene Wahrnehmung. Meine letzte Frage, nur pro forma: „Was müsste passieren, damit du erkennst, dass du dich irrst?“

Er antwortet nicht. Er sieht mich einfach nur an. Dann sagt er: „Ich irre mich nicht.“

Beim Aufbruch ist er wieder der alte Bär. Er drückt mir herzlich die Hand mit seiner riesigen Pranke: „Ich mag dich. Auch wenn du noch schläfst.“

Ich spüre, wie sich die Vertrautheit zwischen uns gerade noch hält. Und doch bin ich allein. Er vertraut mir weniger als seinen Ideologen. Ich teile die Lust an der Zerstörung nicht – diese Fantasie vom Phönix aus der Asche. Er sieht den Phönix, ich den Papagei.

Es verstört mich. Ein wenig, dass er das glaubt. Aber mehr, wie sehr er sich darauf freut.