The Comeback of the They
Wie ein unscheinbares Pronomen zum Gender‑Superstar wurde – und warum sich alte Grammatikbücher seitdem unruhig im Regal wiegen.
They – das Phantom der Grammatik
Jahrhundertelang geisterte es durchs Englische: mal im Plural, mal als höflich‑neutrale Einzahl. Shakespeare konnte es, Austen liebte es, Dickens tat es einfach: singular they. Dann kamen Schulgrammatiken und riefen: „Das ist doch Plural!“ – worauf die Sprache höflich gähnte und sich fügte. Bis es seit einiger Zeit wieder ganz à jour wurde. Moderne Styleguides empfehlen es für unbestimmte Referenten und respektieren es für Personen, die so angesprochen werden möchten.
If the student wants to pass, they must study.
→ they bezieht sich hier auf eine einzelne Person (die Studentin oder den Studenten). Geschlecht unbekannt/irrelevant – Problem gelöst.
He? She? Meh. Die Stilfakten
Früher:If a student wants to pass, he must study. – klingt, als seien alle Studenten männlich.
Dann: he or she – korrekt, aber sperrig wie ein Klappfahrrad im ICE.
Heute: If a student wants to pass, they must study. – elegant, inklusiv, idiomatisch.
Kongruenz bleibt pluralisch: they are / their / them. Für das Reflexivpronomen sind themselves (Standard) und themself (zunehmend gebräuchlich) möglich – nach Zielstil entscheiden.
Die häufigsten Einwände
„Aber ‘they’ ist doch Plural!“
Ja, auch. Englisch liebt Mehrfachverwendung. You ist ebenfalls Singular und Plural, und niemand bekommt davon Kopfschmerzen.
„Das ist neuer Woke‑Import!“
Eher ein Comeback eines alten Bekannten. Die moderne Verwendung macht nur bewusster, was die Sprache immer schon konnte.
“A person can't help their birth.”
– Charles Dickens, Great Expectations (1861)
Mini‑Leitfaden für Praxis & Übersetzung
- Unbestimmt/neutral: Someone left their laptop. → „Jemand hat seinen/ihren Laptop dagelassen.“ Oder neutral umformulieren: „… den Laptop dagelassen.“
- Berufsbezeichnungen: The reviewer said they’ll revise tomorrow. → „Die prüfende Person…“ / „Die/der Reviewer:in…“ / „Die Prüfung erfolgt morgen.“ (Kontext‑ und Stilabhängig.)
- Bekannte Person mit they/them: Pronomen respektieren – auch in der Übersetzung konsistent neutralisieren (ggf. mit Name wiederaufgreifen, um Pronomenhäufung zu vermeiden).
- Ist das Geschlecht unbekannt/irrelevant? → they.
- Ist die Person nichtbinär und nutzt they/them? → they (konsequent).
- Stimmen Verbformen? → they are / were / have.
- Bei Übersetzung ins Deutsche: lieber neutralisieren als holpern.
FAQ – kurz & gnadenlos
- Kann „they“ eine einzelne, namentlich bekannte Person meinen?
- Ja – wenn die Person so angesprochen werden möchte oder das Geschlecht irrelevant ist.
- Sage ich „they are“ oder „they is“?
- Immer „they are“. Kongruenz bleibt pluralisch.
- „Themself“ oder „themselves“?
- themselves ist breit akzeptiert; themself wird zunehmend in Einzahl-Kontexten verwendet. Nach Styleguide/Zielpublikum entscheiden.
- Wie vermeide ich im Deutschen sperrige Doppelformen?
- Neutralisieren („die Person“, „die Leitung“), passivieren, pluralisieren – oder gezielt variieren. Wichtig ist Konsistenz.

Shakespeare und Jane Austen mit Lektor, der notiert, dass ‚they‘ laut US-amerikanischem Sprachleitfaden inzwischen korrekt ist.
Epilog
In der englischsprachigen Welt jenseits der binären Pronomen wird ein(e) Held*in die Grammatik retten.
Sein*Ihr Name: They.
Each one in their degree.
– William Shakespeare, Lucretia (1594)
