Redner-Bingo: „Ratschläge für einen schlechten Redner“

Illustration 'Tucholsky-Bingo' im Retro-Stil
25 Prinzipien, die garantiert jede Rede ruinieren.
Ratschlag Tucholskys Originalzitat
Sprich nicht frei!Sprich nicht frei – das macht so einen unruhigen Eindruck. Am besten ist es: du liest deine Rede ab.
Rede lang!Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen.
Beginne mit Ankündigungen!Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz ...
Sprich monoton!Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet.
Sei lehrhaft!Eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, daß und was du zu sprechen beabsichtigst.
Lies Zahlen vor!Viel Statistik hebt eine Rede. Es beruhigt ungemein, und jeder ist imstande, zehn verschiedene Zahlen zu behalten.
Vermeide Beispiele!Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören.
Verliere dich in Details!Sprich mit langen, langen Sätzen – schön ineinandergeschachtelt …
Verwende Fachbegriffe!Immer schön umständlich!
Stelle dich über dein Publikum!Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.
Wenn du einen Witz machst... lach vorher – damit man weiß, wo die Pointe ist.
Stelle keine Fragen!Eine Rede ist ein Monolog. Weil doch nur einer spricht, was?
Baue keine Pausen ein!Immer sprich, mein Guter. Gott wird es dir lohnen.
Fang immer bei den alten Römern an Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können.
Bleib starr am Pult!Sprich an einem Pult und wiege dich dabei auf und ab; am besten mit einem Tick …
Ignoriere die Reaktionen!Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen …
Vermeide Blickkontakt!Es freut jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz misstrauisch hochblickt.
Trinke Wasser!Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor – man sieht das gerne.
Rede wie ein Lexikon!Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause.
Betone nichts!Du musst alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch.“ Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben …“
Vermeide Gliederung!Du musst dir nicht nur eine Disposition machen, du musst sie den Leuten auch vortragen.
Beziehe nie Stellung!Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen.
Beende abrupt!Kündige den Schluss deiner Rede lange vorher an … und rede noch eine halbe Stunde.
Fang nie mit dem Anfang an— sondern drei Meilen vor dem Anfang!
Komme nie auf den Punkt!Du musst alles in die Nebensätze legen.
Klopfe dir eine Marotte zurecht!Leg dir einen herzigen kleinen Tick zu: über die Haare zu streichen oder ein Auge zuzukneifen oder so etwas.
Beginne mit Statistik!Viel Statistik hebt eine Rede. Es beruhigt ungemein.

„Ratschläge für einen schlechten Redner“

Von Kurt Tucholsky


Fang nie mit dem Anfang an –, sondern drei Meilen vor dem Anfang! Also etwa so:

„Meine Damen und meine Herren! Bevor ich zum Thema des heutigen Abends komme, lassen Sie mich Ihnen kurz …“

Hier hast du schon so ziemlich alles, was einen schönen Anfang ausmacht:

Eine steife Anrede; der Anfang vor dem Anfang; die Ankündigung, daß und was du zu sprechen beabsichtigst (sehr wichtig! Man gähnt herrlich …) und das Wörtchen kurz. So gewinnst du im Nu die Herzen und die Ohren der Zuhörer.

Denn das hat der Zuhörer gern: daß er deine Rede wie ein schweres Schulpensum aufbekommt; daß du mit dem drohst, was du sagen wirst, sagst und schon gesagt hast …, das gefällt den Leuten. Immer schön umständlich!

Sprich nicht frei – das macht so einen unruhigen Eindruck. Am besten ist es: du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig, auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz mißtrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind ... Wenn du aber keine Zeit gehabt hast, die Rede in eine Schreibe zu verwandeln, dann mußt du mit viel Papierblättern antreten, mit ihnen rascheln, sie durcheinanderwerfen und dich nicht zurechtfinden … dergleichen bringt Spannung in den Laden. Aber am besten ist es schon: du liest alles vor.

Wenn du gar nicht hören kannst, was man dir so freundlich rät und du willst durchaus und durchum frei sprechen – du Laie! Du lächerlicher Cicero! Nimm dir doch ein Beispiel an unsern professionellen Rednern, an den Reichstagsabgeordneten – hast du die schon mal frei sprechen hören? Die schreiben sich sicherlich zu Hause auf, wann sie „Hört! hört!“ rufen ... ja, also wenn du denn frei sprechen musst, wenn es denn sein muß:

Sprich, wie du schreibst. Und ich weiß, wie du schreibst.

Sprich mit langen, langen Sätzen – solchen, bei denen du, der du dich zu Hause, wo du ja die Ruhe, deren du so sehr benötigst, deiner Kinder ungeachtet, hast, vorbereitest, genau weißt, wie das Ende ist, die Nebensätze schön ineinandergeschachtelt, so daß der Hörer, ungeduldig auf seinem Sitz hin und her träumend, sich in einem Kolleg wähnend, in dem er früher so gern geschlummert hat, auf das Ende solcher Periode wartet ... nun, ich habe dir eben ein Beispiel gegeben. So mußt du sprechen.

Fang immer bei den alten Römern an und gib stets, wovon du auch sprichst, die geschichtlichen Hintergründe der Sache. Das ist nicht nur deutsch – das tun alle Brillenmenschen. Ich habe einmal in der Sorbonne einen chinesischen Studenten sprechen hören …, der sprach glatt und gut französisch, aber er begann zu allgemeiner Freude so: „Lassen Sie mich Ihnen in aller Kürze die Entwicklungsgeschichte meiner chinesischen Heimat seit dem Jahre 2000 vor Christi Geburt ...“ Er blickte ganz erstaunt auf, weil die Leute so lachten ...

So mußt du das auch machen. Du hast ganz recht: man versteht es ja sonst nicht, sehr richtig, wer kann denn das alles verstehen, ohne die geschichtlichen Hintergründe ... sehr richtig! Die Leute sind doch nicht in deinen Vortrag gekommen, um lebendiges Leben zu hören, sondern das, was sie auch in den Büchern nachschlagen können ... sehr richtig. Immer gib ihnen Historie, immer gib ihm.

Kümmere dich nicht darum, ob die Wellen, die von dir ins Publikum laufen, auch zurückkommen – das sind Kinkerlitzchen. Sprich unbekümmert um Wirkung, um die Leute, um die Luft im Saale – immer sprich, mein Guter. Gott wird es dir lohnen.

Du mußt alles in die Nebensätze legen. Sag nie: „Die Steuern sind zu hoch.“ Das ist zu einfach. Sag: „Ich möchte zu dem, was ich soeben gesagt habe, noch kurz bemerken, daß mir die Steuern bei weitem ...“ So heißt das.

Trink den Leuten ab und zu ein Glas Wasser vor – man sieht das gerne. Wenn du einen Witz machst, lach vorher, damit man weiß, wo die Pointe ist.

Eine Rede ist, wie könnte es anders sein, ein Monolog, wie? Weil doch nur einer spricht, was? Du brauchst auch nach vierzehn Jahren öffentlicher Rednerei noch nicht zu wissen, daß eine Rede nicht nur ein Dialog, sondern ein Orchesterstück ist: eine stumme Masse spricht nämlich ununterbrochen mit. Und das mußt du hören. Nein, das brauchst du nicht zu hören. Sprich nur, lies nur, donnere nur, geschichtele nur.

Zu dem, was ich soeben über die Technik der Rede gesagt habe, möchte ich noch kurz bemerken, daß viel Statistik eine Rede immer sehr hebt. Es beruhigt ungemein, und da jeder imstande ist, zehn verschiedene Zahlen mühelos zu behalten, so macht das viel Spaß.

Kündige den Schluß deiner Rede lange vorher an, damit die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen. (Paul Lindau hat einmal einen dieser gefürchteten Hochzeitstoaste so angefangen: „Ich komme zum Schluß.“) Kündige den Schluß an, und dann beginne deine Rede von vorn und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen.

Du mußt dir nicht nur eine Disposition machen, du mußt sie den Leuten auch vortragen – das würzt die Rede.

Sprich nie unter anderthalb Stunden, sonst lohnt es gar nicht erst anzufangen. Sprich an einem Pult und wiege dich dabei auf und ab; am besten ist es, wenn du dir irgendeinen herzigen kleinen Tick zulegst: über die Haare zu streichen oder ein Auge zuzukneifen oder so etwas … der Hörer hat dann etwas, woran er sich in dem Meer deiner Beredsamkeit festhalten kann, wie an einer Boje.

Wenn einer spricht, müssen die andern zuhören – das ist deine Gelegenheit. Missbrauche sie.

Ratschläge für einen guten Redner


Hauptsätze, Hauptsätze, Hauptsätze.

Klare Disposition im Kopf – möglichst wenig auf dem Papier.

Tatsachen – oder Appell an das Gefühl. Schleuder oder Harfe. Ein Redner sei kein Lexikon. Das haben die Leute zu Hause.

Der Ton einer einzelnen Sprechstimme ermüdet; sprich nie länger als vierzig Minuten. Suche keine Effekte zu erzielen, die nicht in deinem Wesen liegen. Ein Podium ist eine unbarmherzige Sache – du stehst da nackter als im Sonnenbad.

Merk Otto Brahms Spruch: Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.


Peter Panter in: Vossische Zeitung Nr. 274, 16.11.1930, Post-Ausg.; Unterhaltungsblatt Nr. 269, [S. 3]

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