Wer könnte da schon Nein sagen?

Schaufensteraushang (Ende 2020 bis etwa Mitte 2024) mit rhetorischen Affektfragen zu Verschwörungstheorien. Soll zum Nachdenken anregen, was vor allem hinsichtlich der Zeichensetzung gelingt.
Ende 2020 gesehen im Schaufenster eines Krimskramsladens in einem Dorf bei Freiburg.

Text des Aushangs

„Ist man ein Verschwörer, weil man die Kollateralschäden der Coronamaßnahmen, 
für viel gravierender hält, als die Erkrankung selbst?

Ist man ein Verschwörer, weil man befürchtet, dass es durch die Zerstörung des Mittelstandes
und vieler Arbeitsplätze, zu sozialen Unruhen kommt?

Ist man ein Verschwörer, weil man es erschreckend findet, dass chinesische Investoren auf
große Shopping-Tour auf dem geschwächten europäischen und deutschen Markt gehen.
Munter kaufen sie in Schieflage geratene Firmen auf, die in ihrer Verzweiflung keinen Ausweg
sehen, als sich in die Hände Pekings zu begeben.
Und die Bundesregierung? Sie sieht zu, wie China deutsche Traditionskonzerne schluckt und
wohl bald auch im deutschen 5G-Geschäft kräftig mitmischt. (Julian Röpke, Bild.de)
„Big brother is watching you“!

Ist man ein Verschwörer, weil man große Bedenken hat, wie es mit unserem Finanzsystem
weiter geht. Dr. Markus Krall und Marc Friedrich: Der Crash kommt 2021!
Gelddrucken hat das Denken ersetzt.

Ist man ein Verschwörer, weil man große Sorge hat, dass es durch einen Immunitätsausweis,
eine Impfpflicht durch die Hintertür gibt.
* CDU Politiker und Europaabgeordnete Peter Liese fordert Corona-Schutzimpfungen
  als Voraussetzung für Besuche von Großveranstaltungen sowie Konzerten.
  (23.11.2020 Süddeutsche Zeitung)
* Die australische Fluggesellschaft Qantas, hat mitgeteilt, dass nur Geimpfte mitfliegen
  dürfen. Chef Alan Joyce: „Schon bald werde das auch bei anderen Airlines eine
  ›ganz normale Sache‹ sein.“

Ich persönlich, halte es für sehr gefährlich, einen nicht erprobten, neuartigen, gentechnologischen
Impfstoff, im Hauruck-Verfahren auf den Markt zu bringen.

Ist man ein Verschwörer, weil man es schrecklich findet, dass in den Schwellenländern
Massen an Menschen durch die Coronamaßnahmen sterben. SIE VERHUNGERN!
Hier werden die nächsten Flüchtlingswellen produziert!“

Das will nicht nur aufgrund orthografischer Eigenwilligkeiten gut überlegt sein. Aus linguistischer Sicht behauptet die immer wiederkehrende Epimone („Ist man ein Verschwörer, weil …?“) mehr, als sie fragt. Als rhetorische Frage steckt in ihr bereits die Gesamtwertung, dass jeder, der solche „Sorgen“ teilt, vorschnell als „Verschwörer“ abgestempelt werde. Mit „Verschwörer“ dürfte hier wohl „Verschwörungstheoretiker“ oder „Anhänger von Verschwörungstheorien“ gemeint sein – entweder eine bewusst vage Wortwahl, die nicht zufällig mehr Raum für Assoziationen lässt, als der Sache guttut, oder eine schlichte Ungenauigkeit, die wiederum in auffälligem Kontrast zum zur Schau gestellten kritischen Pathos steht.

Stilistisch kombiniert der Text Spins (Tatsachenverkehrung Hungertote vs. Exzessmortalität), Framing („Big Brother is watching you!“), Angstrhetorik (Crash-Prophetie, Verarmung, Hunger), sowie eindrucksvolle Beispiele für Einzelfall-Extrapolation (Qantas → weltweite Impfpflicht) und elliptische Belege (Verweis auf eine einzige BILD-Kolumne als Autorität).

Überlegungen zum Ja oder Nein

Analyse

Der Aushang greift reale Problemfelder (soziale Ungleichheit, geopolitische Abhängigkeiten, Impf­ethik, Ernährungs­sicherheit) auf, formuliert sie aber in einer Schwarz-Weiß-Rhetorik, die faktenbasierte Abwägungen durch Schlagworte und propagandistische Techniken ersetzt:

  • Der Text selektiert Einzelfälle und blendet Gegen­beispiele aus,
  • deutet Trend­risiken in kurzfristige Gewissheiten um,
  • und vermengt Kausalität und Korrelation.

Linguistisch dienen die wiederholten Fragen „Ist man ein Verschwörer“* der Immunisierung gegen Kritik („Wer widerspricht, nennt mich Verschwörer“) – ein klassischer Strohmann-Schutzschild.

Faktencheck

Was Tatsachen betrifft, können die Punkte einzeln ohne Alarmismus geprüft werden. Wie sich zeigt, sind einige Sorgen aufgrund ihres latenten Dauerzustands berechtigt (globaler Hunger, Investitionsabhängigkeit), andere sind (Stand 2025) überwiegend widerlegt oder deutlich nuancierter.

1. Sind die Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen schlimmer als COVID-19 selbst?

Befund: Laut WHO forderte COVID-19 weltweit über 7 Mio. Tote (Stand 2025). Modellierungen des Imperial-College schätzen, dass die ersten Lockdowns in 11 EU-Ländern rund 3 Mio. Todesfälle verhinderten. Meta-Analysen (Institute of Economic Affairs) zeigen jedoch, dass der Netto­nutzen je nach Kennzahl kleiner ausfällt, als manche Regierungen hofften. Insgesamt übersteigen die geretteten Lebensjahre die indirekten Verluste durch Arbeits­losigkeit, Bildungs- und Mental-Health-Schäden. Quellen: WHO-Dashboard , Imperial College Report 9 (2020) , IEA Meta-Analyse 2022

Auch die Zahlen direkter Schäden durch Impfungen sind belegt: Bis zum 31. Dezember 2024 wurden in Deutschland 197.033.944 COVID-19-Impfdosen verabreicht. Gemeldet wurden 63.909 schwerwiegende Verdachtsfälle (0,32 pro 1.000 Dosen) und 3 086 Verdachtsfälle eines tödlichen Ausgangs (1,6 pro 100.000 Dosen). Nach WHO-Kausalitäts­bewertung blieben 74 Todesfälle als »möglich bzw. wahrscheinlich impfbedingt« – das entspricht rund 0,38 pro 1.000.000 Dosen (≈ 1 Todesfall auf 2,7 Mio Dosen). Quelle: PEI-Sicherheitsbericht 03/2025
Zum Vergleich: Die historische Pocken­impfung wies rund das 3- bis 5-fache tödliche Risiko pro Dosis auf; bei der US-Pocken­impfung 1968 lag die Todesrate bei 1–2 pro 1.000.000 Impfungen (≈ 1 Todesfall auf 0,75 Mio Dosen); lebens­bedrohliche Komplikationen wurden mit 52 pro 1.000.000 angegeben. Quelle: CDC MMWR 52 (RR-4), 2003

Fazit: Ist man ein Verschwörer, weil man die Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen für viel gravierender hält als die Erkrankung selbst?
Antwort: Ja – die Behauptung blendet die nachweislich geretteten Menschenleben völlig aus, verkehrt die Evidenz ins Gegenteil und würzt das Ganze mit einer Wortwahl, die „Verschwörer“ sagt, obwohl hier nur „Verschwörungstheoretiker“ überhaupt Sinn ergäbe.

2. Führt die „Zerstörung des Mittelstands“ zwangsläufig zu sozialen Unruhen?

Deutschland stabilisierte per Kurzarbeit und Hilfs­fonds; Insolvenzen stiegen 2020/21 weniger stark als nach der Finanzkrise 2008. In Entwicklungs­ländern nahm die Ungleichheit hingegen deutlich zu, was soziale Spannungen begünstigt. Quellen: Destatis – Insolvenzen , US Census Income 2020 , Weltbank GINI-Index

Fazit: Ist man ein Verschwörer, weil man befürchtet, dass es durch die Zerstörung des Mittelstandes und vieler Arbeitsplätze zu sozialen Unruhen kommt?
Antwort: Ja – das Narrativ unterstellt eine gezielte Agenda elitärer Entscheider („Big Brother“), die Mittelschicht bewusst auszuhöhlen, und verkauft Prognosen als unvermeidliche Tatsachen. Auch hier wieder „Verschwörer“ statt dem naheliegenden „Verschwörungstheoretiker“ – was wörtlich genommen ironischerweise das Gegenteil der Behauptung bedeuten würde.

3. „Ausverkauf“ deutscher Firmen an chinesische Investoren & 5G-Abhängigkeit?

2020/21 nahm der Umfang chinesischer Übernahmen in der EU ab – u. a. wegen neuer Investitions­screening-Regeln. Deutschland untersagte einzelne High-Tech-Deals und beschloss 2023, Huawei-/ZTE-Komponenten bis 2029 schrittweise aus Kern­netzen zu entfernen. Quellen: EU FDI-Screening Report 2023 , BMI-Pressemitteilung 05/2023

Fazit: Ist man ein Verschwörer, weil man es erschreckend findet, dass chinesische Investoren auf große Shopping-Tour auf dem geschwächten europäischen und deutschen Markt gehen. Munter kaufen sie in Schieflage geratene Firmen auf, die in ihrer Verzweiflung keinen Ausweg sehen, als sich in die Hände Pekings zu begeben. Und die Bundesregierung? Sie sieht zu, wie China deutsche Traditionskonzerne schluckt und wohl bald auch im deutschen 5G-Geschäft kräftig mitmischt. (Julian Röpke, Bild.de) „Big brother is watching you!“
Antwort: Ja – hier wird eine geheime Einflussnahme Chinas unterstellt, obwohl es klare Investitions­prüfungen und Rückbau­pläne gibt. „Verschwörer“ statt „Verschwörungstheoretiker“ ist hier völlig wirr.

4. Crash-Prophetie 2021 (Krall/Friedrich) – eingetroffen?

Trotz Lieferketten­problemen legte der DAX 2021 um ≈ 16 % zu; eine systemische Banken- oder Währungs­krise blieb aus. Die konkrete Jahres­prognose scheiterte, auch wenn Niedrig­zins­risiken langfristig bestehen. Quellen: Börse Frankfurt – DAX-Historie , Bundesbank Finanz­stabilitäts­bericht 2022

Fazit: Ist man ein Verschwörer*, weil man große Bedenken hat, wie es mit unserem Finanzsystem weiter geht. Dr. Markus Krall und Marc Friedrich: Der Crash kommt 2021! Gelddrucken hat das Denken ersetzt.
Antwort: Ja – wer trotz ausgebliebener Krise an der sicheren Katastrophe festhält und Gegenbelege als Teil eines „Systems“ abtut, indem Gehirnwäsche betrieben wird, bedient ein Verschwörungs-Narrativ.

5. Immunitäts­ausweis = Impfpflicht durch die Hintertür?

Das EU-Digitale COVID-Zertifikat war freiwillig und akzeptierte auch Tests/Genesungen. Airlines wie Qantas verlangten Impf­nachweis für internationale Flüge – privat­wirtschaftliches Hausrecht. mRNA-Impfstoffe verhinderten laut Lancet im ersten Jahr ~14 Mio. Todesfälle. Quellen: EU-Verordnung 2021/953 , Qantas Pressemitteilung 11/2020 , Lancet Infect Dis 2022

Fazit: Ist man ein Verschwörer*, weil man große Sorge hat, dass es durch einen Immunitätsausweis, eine Impfpflicht durch die Hintertür gibt. [...]
Antwort: Ja – die Behauptung unterstellt eine versteckte Zwangsagenda, obwohl Zertifikate freiwillig und test-/genesungsbasiert einsetzbar waren.

6. Erzeugen Corona-Maßnahmen Hunger & neue Flüchtlingswellen?

Lockdowns haben Hungerprobleme verschärft, aber keine Massen­verhung­erung ausgelöst. Die größten Hungertodes­treiber bleiben Krieg, Klima­katastrophen, Armut und hohe Nahrungs­preise. Corona-Maßnahmen wirkten vor allem als Katalysator für existierende Schwach­stellen, nicht als Hauptursache für massen­hafte Sterbe­fälle. Auch Migration entsteht multi­kausal (Konflikte, Klima, Preise) – nicht allein durch Lockdowns.
Quellen: FAO – SOFI 2024 (Hunger ≈ 733 Mio. Menschen 2023) , WFP / FAO – Global Report on Food Crises 2024 (Akut Food Insecurity ≈ 282 Mio. 2023) , IHME GBD 2019 – Protein-Energy Malnutrition Deaths ≈ 212 000 , UNHCR – Global Trends 2023 (Forcibly Displaced ≈ 117,3 Mio.) , IPC Analysis Afghanistan 2021 – „Famine Likely“ (Bezirke Phase 4/5)

Fazit: Ist man ein Verschwörer*, weil man es schrecklich findet, dass in den Schwellenländern Massen an Menschen durch die Coronamaßnahmen sterben? SIE VERHUNGERN! Hier werden die nächsten Flüchtlingswellen produziert!
Antwort: Ja – nach anfänglicher Sorge verkehrt der Text die Ursachen bewusst (Lockdowns = Hauptschuldige), stützt ein Narrativ absichtlicher Verknappung („Verarmungs-Strategie“) und konstruiert so ein konspiratives Gesamtbild.

Warum gerade die These der „durch Coronamaßnahmen Verhungerten“ besonders perfide ist, wird deutlich, wenn man sich die belastbaren Zahlen der tatsächlichen Exzessmortalität vor Augen führt – aller Todesfälle über dem zu erwartenden Niveau, inklusive direkter und indirekter COVID-Folgen. Vom 1. Januar 2020 bis 31. Dezember 2021 starben in den Schwellenländern rund 12,07 Mio. Menschen mehr als erwartet (WHO)1, was 99,2 % entspricht. In Deutschland betrug die Exzessmortalität 0,8 % (ca. 100.000–120.000 Menschen (Lancet)2.

Persönlicher Eindruck: Mitfühlend ist es, diese Opferzahlen als „schrecklich“ zu bezeichnen; sie als Folge der Pandemiebekämpfung hinzustellen, macht das jedoch zu einem fürchterlichen Sophismus mit bösartiger Tatsachenverkehrung.

  1. WHO (2023): Global Excess Mortality Estimates, Januar 2020 – Dezember 2021.
  2. The Lancet – Deutschland 2020–21: Banerjee et al. (2022): Excess mortality in Germany during the COVID-19 pandemic.

* „Verschwörer“: Gemeint ist erkennbar nicht der aktiv an einer Verschwörung Beteiligte, sondern der „Verschwörungstheoretiker“. Die falsche Wortwahl ist also nicht nur ungenau, sondern wörtlich genommen das Gegenteil dessen, was behauptet wird.


... oder vielleicht erstmal ein Bierchen?

Screenshot eines Online-Angebots für Bier, Marke 'Corona'

Vorsicht! Ansteckender Humor kann auch viral sein.


Ein virales Meme-Video von 2020.
Das Vorbild (unten) wurde von der australischen Gesundheitsbehörde lanciert.